http://www.dreamstime.com/stock-image-couple-money-home-love-family-finance-happiness-concpet-smiling-image39783131Ich bin auf eine interessante Fachliteratur gestoßen. Fritz B. Simon führt in die systemische Organisationstheorie ein und schreibt unter anderem sehr anschaulich über Kommunikationsmedien und im Speziellen über das Steuerungsmedium Geld. Ich finde diesen Aspekt neben vielen anderen so interessant, weil in der Diskussion um selbstorganisierte Unternehmen auch Konzepte vorgeschlagen werden, die das Steuerungsmedium Geld betreffen – konkret das eigene Gehalt bestimmen.

Damit solche neuen Konzepte besser diskutierbar und bewertbar werden, sind die Ausführungen von Fritz B. Simon sehr wertvoll und bieten eine gute Ausgangsbasis.

Kommunikationsmedien

„Ohne Kommunikation keine Kopplung von Akteuren und/oder Aktionen. Und ohne Kommunikationsmedien keine Kommunikation. Kommunikationsmedien sind Voraussetzung für die Bildung sozialer Systeme“, also von Organisationen. „Denn wie sollten Informationen mitgeteilt werden und verstanden werden, wenn sie nicht ein Substrat hätten, in dem sie ihren Ausdruck finden können? Musterbeispiel für solch ein Medium ist die Sprache. Sie ermöglicht, Ansichten zu formulieren, Behauptungen aufzustellen, ihnen zuzustimmen, ihnen zu widersprechen, Anweisungen zu geben Bekanntmachungen vorzunehmen usw.

Die Eigenschaften, die ein Kommunikationsmedium aufweisen muss, wurden zuerst von Fritz Heider analysiert. Er untersuchte, was den Beobachter mit dem beobachteten Gegenstand verbindet. Wer sieht, wie in weiter Entfernung eine Kanone abgeschossen wird, nimmt den aufsteigenden Rauch wahr, bevor er den Schall hört. Zu diesem Zeitunterschied kommt es, weil er mit der Kanone durch verschiedene Medien verbunden ist: Schall und Licht. Da das Licht sich schneller bewegt als der Schall, hört man den Knall später als man die Rauchentwicklung sieht. In dieser Verwendung des Begriffs ist das Medium ein Transportmittel für Signale. Es transportiert keinen eigenen Sinn, denn der muss den Signalen vom Beobachter erst zugeschrieben werden“ (z.B.: Achtung! Kanonenkugel kommt geflogen).

„Als Medium ist jedes Substrat geeignet, dessen Elemente loser gekoppelt sind als die Elemente des beobachteten „Dings“. (Heider 1926) Auf diese Weise ist das Medium in der Lage sich fremden Formen anzupassen (wie das Wasser der Badewanne) und einige Aspekte ihrer Merkmale – nicht den Sinn, wohlgemerkt – zu transportieren. Die Schallwellen verändern nicht die Relationen der gesprochenen Worte, das Licht nicht die des beobachteten Objekts. …

Kommunikationsmedien sind allerdings nicht so harmlos wie es scheint, denn sie haben manchmal Eigenschaften, die sie klammheimlich mittransportieren. Daher läuft der Beobachter Gefahr, die Eigenschaften des Mediums mit denen des beobachteten Gegenstands zu verwechseln. (z.B. die Merkmale der Landkarte mit denen der Landschaft).

Das gilt auch für die Sprache. Denn ihre Begrifflichkeiten folgen einer eigenen Logik, die nicht unbedingt mit der Logik der Phänomene über die gesprochen wird, übereinstimmen muss. Sie mögen „feinkörniger“ oder „grobkörniger“ sein als die verwendeten begrifflichen Unterscheidungen; sie können sich gleichzeitig ereignen, obwohl sie sprachlich als Sequenz dargestellt werden usw. Als Medium qualifiziert sich die Sprache dadurch gut, dass die lose gekoppelten Elemente des Repertoires an Lauten nahezu beliebig fest zu Worten gekoppelt (=geformt) werden können, Worte zu Sätzen, Sätze zu Gedichten etc. Analog dazu erweist sich das Alphabet als gutes Medium, da sich die Buchstaben in großer Variationsbreite zu Worten und Texten koppeln lassen.

Für die Organisationstheorie sind Kommunikationsmedien deswegen von Bedeutung, weil z.B. die Schrift als Medium erst möglich gemacht hat, dass auch Fernkommunikation (über die Interaktion zwischen Anwesenden hinaus) möglich wurde. Und durch die Fortschritte der Nachrichtentechnik haben sich auch Organisationsformen in ungeahnter Weise ändern können. Wenn dem Lauf der Sonne folgend 24 Stunden am Tag an verschiedenen Orten von unterschiedlichen Teams am selben Projekt gearbeitet wird, so ist dies durch Zeit und Raum überbrückende Kommunikationsmedien möglich. Sie ermöglichen die globale Koordination von Aktionen und Akteuren.

Steuerungsmedien

Es gibt aber noch eine zweite Art von Medien, die für das Verständnis von Organisationen wichtig ist: die Steuerungsmedien („symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien“). Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie „an sich“ höchst unwahrscheinliche, zielgerichtete Kommunikation wahrscheinlicher machen.

Statt mit einer Definition zu beginnen, soll ihre Wirkung am Beispiel des Geldes als solch ein Kommunikationsmedium erklärt werden.

Was Geld von der Sprache unterscheidet ist, dass es nicht jeden denkbaren Inhalt kommunizieren kann, sondern nur zur Kommunikation einer spezifischen Sinndimension verwendet werden kann. Der Bezug auf sie ist gewissermaßen eine der stillschweigenden Prämissen der Verwendung von Geld. Es geht um eine charakteristische Beziehungsform zwischen den beteiligten Akteuren, bei denen – um es ganz platt auszudrücken – einer vom anderen etwas will (eine Ware, eine Leistung etc.), was der nicht ohne Weiteres (aus spontaner eigener Motivation) zu geben bereit ist. Wenn ihm Geld im Tausch dafür angeboten wird, kann ein bis dahin unmotivierter Akteur dazu motiviert werden, sich von dem begehrten Objekt zu trennen (es zu verkaufen) oder die gewünschte Aktion zu vollziehen (die Leistung gegen ein Honorar, Lohn oder Gehalt zu erbringen).

Schaut man auf die Historie, so „ist Geld vermutlich nicht im Hinblick auf seine Tausch vermittelnde Funktion, sondern als Zeichen für unausgeglichene Leistungsverhältnisse“ entstanden (Luhmann 1997, S. 348) Banknoten waren zunächst Schuldscheine. Sie bzw. die damit verbundenen Ansprüche konnten übertragen werden. Doch dieser Schuldscheinaspekt bezieht sich auf erbrachte Leistungen in der Vergangenheit. Geld wirkt aber auch in die Zukunft. Das heißt, es kann ungleiche Leistungsverhältnisse herbeiführen: Einer wird leisten, der andere wird zahlen.

„Symbolisch generalisierte Medien transformieren auf wunderbare Weise Nein-Wahrscheinlichkeiten in Ja-Wahrscheinlichkeiten – zum Beispiel: Indem sie es ermöglichen, für Güter oder Dienstleistungen, die man erhalten möchte, Bezahlung anzubieten“ (Luhmann 1997, S. 320).

Geld symbolisiert Wert in besonderer Weise, weil es nicht nur als Zeichen für den Wert irgendwelcher Objekte etc. fungieren kann, sondern auch ohne solch einen bewerteten Gegenstand selbstbezüglich seinen eigenen Wert bezeichnet. Dadurch gewinnt es seinen Charakter als generalisiertes Medium, weil es im Prinzip gegen alles getauscht werden kann, was für Geld zu haben ist, und weil es von jedermann nutzbar ist.

Damit dies funktioniert, müssen die Teilnehmer an der Kommunikation eine Wirklichkeitskonstruktion teilen: dass Geld Wert symbolisiert (=hat). Wenn das der Fall ist, entsteht Austauschbarkeit (lose Kopplung) zwischen den potentiellen Kommunikationsteilnehmern.

Geld entlastet das System vom Blick in die Vergangenheit und der Frage, womit das gezahlte Geld eigentlich verdient worden ist. Denn es macht für den, der die Zahlung erhält, keinen Unterschied (Geld stinkt nicht, weil man ihm nicht anriecht woher es kommt). Und es entlastet denjenigen, der zahlt, vom Blick in die Zukunft und der Frage, wofür das gezahlte Geld weiter verwendet wird. Die Aufmerksamkeit der Beteiligten kann auf das Hier und Jetzt, d.h. die Gegenwart, fokussiert bleiben.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen dem Tausch von Gütern oder Dienstleistungen und ihrem Kauf/Verkauf. Beim Tausch nach dem Muster „Schneidest du mir die Haare, mähe ich deinen Rasen!“ oder „Gibst du mir deine Briefmarkensammlung, gebe ich dir meine Bierdeckelsammlung!“ kommen nur sehr ausgewählte – unverwechselbare – Partner für die jeweilige Transaktion in Frage. Da diese nur schwer zu finden sind, ist es sehr unwahrscheinlich und an einen spezifischen Kontext gebunden, dass die zueinander passenden Partner sich tatsächlich finden und solch ein Tausch zustande kommt“ (hier hat das Internet schon eine Änderung erwirkt). „Wird hingegen das Haareschneiden durch Geld honoriert, so kann mit dem gezahlten Geld jemand angeheuert werden, der den Rasen mäht, es kann aber auch eine Bierdeckelsammlung gekauft werden.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Organisationen, die auf die Austauschbarkeit von Mitgliedern angewiesen sind, langfristig nur überleben können, wenn sie über genug Geld verfügen, um sie bezahlen zu können. Geld als Kopplungsmedium wirkt aber in beide Richtungen. Auch Organisationen werden für die Mitglieder austauschbar, solange konkurrierende Organisationen in der Lage und willens sind, sie als Mitarbeiter zu bezahlen. Geld koppelt die Mitglieder und die Organisationen aneinander und es sorgt für die Möglichkeit der Entkopplung. Aber da auch Dienstleistungen von außen hinzugekauft werden können, ermöglicht Geld auch, externe Aktionen in die Gestaltung der eigenen Prozesse einzubinden. Als Steuerungsmedium fungiert Geld wie alle anderen Steuerungsmedien, weil es „die Annahme einer Kommunikation erwartbar“ macht „in Fällen, in denen die Ablehnung wahrscheinlich ist“ (Luhmann 1997, S. 316).

Und das nicht nur innerhalb von Organisationen sondern auch außerhalb. Geld ist allerdings nicht das einzige Steuerungsmedium, das in Organisationen wirksam wird. Macht ist ein anderes … „ (Simon 2013, S. 82-86)

 

Simon, F., B., (2013) Einführung in die systemische Organisationstheorie. Heidelberg (Carl-Auer), 4. Aufl.

Heider, F., (1926):Ding und Medium. Symposium 1: 109-157.

Luhmann, N., (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main (Suhrkamp).