Diese 9 Prinzipien gelten für alle Aufgaben, Aktivitäten und Praktiken im Anforderungsmanagement. Das heißt, sie fließen beim Erheben von Anforderungen, bei der Identifizierung und Befragung der Stakeholder im Interview, oder im Erstellen eines Fragebogens ein. Sie bilden eine wichtige Grundlage. Dieser Beitrag gibt Ihnen einen Überblick über diese Prinzipien. Im Training des CPRE-FL (Beispielsweise im E-Learning) gehen wir dann ganz detailliert auf die einzelnen Prinzipien im Requirements Engineering ein.
Schauen wir uns nun die 9 Prinzipien mal in einer Übersicht an:

Prinzip 1: Die Wertorientierung

Anforderungen sollten immer ein Mittel zum Zweck sein. Was soll das bedeuten? Nun, es gilt zu bedenken, dass wir bei der Ermittlung von Anforderungen immer den Gesamtaufwand im Auge behalten und ihn mit dem Nutzen abgleichen müssen. Zudem sollten sie kein Selbstzweck sein. Das bedeutet, dass Anforderungsdokumente nicht erstellt werden sollten, um Prozessvorgaben zu erfüllen. Das hätte dann einen geringen Wert für die Produktentwicklung.

Prinzip 2: Die Stakeholder

Die Stakeholder werden hier zu einem Prinzip erhoben und das zu Recht. Denn schließlich ist es in der Entwicklung überaus wichtig, die Wünsche und Bedürfnisse der Stakeholder zu befriedigen.
Wichtig ist hier auch die Gesamtheit aller Stakeholder mit in die Überlegungen einzubeziehen und „Personas“ zu bilden. Lediglich den Kunden zu betrachten, reicht nicht aus.
Im „Stakeholder“-Prinzip ist der ganzheitliche Charakter des RE erkennbar. Sowohl alle Gestaltungs- als auch Nutzungsperspektiven sollten dieses Prinzip berücksichtigen.

Prinzip 3: Gemeinsames Verständnis

Erfolgreiche Systementwicklung ist ohne eine gemeinsame Basis, ein gemeinsames Verständnis nicht möglich. So kann es vorkommen, dass Selbstverständlichkeiten auf der einen Seite, auf Überheblichkeiten auf der anderen Seite stoßen. Schlimmstenfalls können aus dem falschen Verständnis teure Fehlentwicklungen entstehen. Zu diesem Zweck werden oft Glossare mit einheitlichen Definitionen erstellt und hoher Wert auf Kommunikation unter den Stakeholdern gelegt.

Prinzip 4: Kontext

Systeme können nicht isoliert betrachtet werden, sondern immer nur im Zusammenhang mit der Außenwelt. Die Kontextanalyse ist daher sehr wichtig. In der Praxis erleben wir, dass viele Techniker und Ingenieure sehr lösungsverliebt sind. Darüber verliert sich leider schnell der wahre, zu ergründende Kontext.

Prinzip 5: Problem-Anforderung-Lösung

Diese Begriffe sind im RE ein ineinandergreifendes Tripel. Diese Verflechtung macht ein isoliertes Vorgehen sehr schwer. Sie ist keine (Wasserfall-) „Treppe“, die von oben nach unten zu gehen ist.
Dennoch: Wenn wir Anforderung definieren und strukturiert vorgehen, werden wir diesen Knoten lösen können.

Prinzip 6: Validierung

Nicht validierte Anforderungen sind nutzlos. Ohne geeignete Verifizierung und Testen können wir die Anforderung nicht zu einer prüfbaren Lösung führen. Das ist nämlich wiederum ganz im Sinne der Wertorientierung und verweist auf die Befriedigung von Stakeholder-Wünschen und -Bedürfnissen.

Prinzip 7: Evolution

Änderungen sind kein Zufall. Das Prinzip. Bereits während Sie Anforderungen ermitteln, kann es sein, dass sie sich schon wieder verändern. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Das Gute daran ist, dass wir Änderungen mit etwas Erfahrung bereits vorahnen können. Das Beste daran ist, dass wir sie sogar steuern können. Am Ende können wir entscheiden, welche Änderungen wir für unser System zulassen und welche wir als irrelevant einstufen und verwerfen.

Prinzip 8: Innovation

Mehr vom Gleichen ist nicht genug. Eine Innovation bezeichnet schließlich etwas Neues, oder eine neue Zusammensetzung des bereits Vorhandenen. Herausfordernd ist es, Anforderungen zu finden, die versteckt sind. Hier müssen die versteckten Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen der Stakeholder ergründet werden, von denen die Stakeholder selbst noch nichts wissen.
Mein Kollege Andreas Kress erzählte mal in dem Zusammenhang, dass er mal vor ca. 10 Jahren in den Entwicklungslaboren eines Autoherstellers „Die zerlegten Elektroantriebe belächelter Exoten wie den Tesla Roadster bestaunte. Damals wurden Anforderungsspezifikationen an Hochvoltsysteme kaum als Innovationsthema gehandelt. Der Lehrplan-Merksatz „Mehr vom Gleichen ist nicht genug“ trifft bei diesem Thema direkt ins Mark der Verbrennungsmotor-Königreiche, die auf ihrem Zenit eine nie gesehene Variantenvielfalt erzeugten.“

Prinzip 9: Systematische und disziplinierte Arbeit

Auf systematische und disziplinierte Arbeit können wir im RE nicht verzichten. Im Detail sollten wir diese Aussage allerdings differenziert betrachten. Denn manchmal ist es in der Entwicklung auch von Vorteil, das Chaos zuzulassen. Dennoch ist das Prinzip Grund genug, um sich systematisch und diszipliniert mit den Inhalten des RE im Rahmen eines Trainings oder E-Learnings auseinanderzusetzen.

Im CPRE E-Learning finden Sie am Ende eines jeden Lehrabschnitts ein Quiz. Anhand dessen können Sie Ihr Wissen überprüfen.
Machen Sie nach diesem Beitrag und dem Video doch einfach mal einen Selbsttest:
Können Sie alle 9 Prinzipien aufzählen?