Im ersten Teil von „Fixes that Fail“ haben wir das Grundmuster des „Verschlimmbesserns“ betrachtet, sowie ein paar Beispiele und das Erkennen solcher Probleme durch die Anwendung von systemischem Denken.
In diesem Teil schauen wir uns eine spezifische Unterform des „Verschlimmbesserns“ an:
Kurzfristige Lösungen, die ein langfristiges Problem aufrechterhalten.

Erstes Beispiel einer kurzfristigen „Lösung“: Das Rauchen

Ein klassisches Thema, was viele aus dem persönlichen Leben kennen ist das Rauchen.
Raucher sagen oft, dass sie rauchen, um sich „zu entspannen“. Das Interessante an der Sache ist: Es ist nachgewiesen, dass Raucher durch die Zigarette den gleichen, niedrigeren Stresspegel erreichen, den Nichtraucher ohne Zigarette permanent besitzen. Die Zigarette hilft einem also dabei, das Problem zu lösen, was man als Raucher dann hat, wenn man zu lange nicht geraucht hat.
Die Zigarette verhindert ein kurzfristiges Unwohlsein, was durch den Verzicht auf Zigaretten entsteht. Durch das Rauchen wird das langfristige Problem, also das Rauchen selbst (wenn man es denn als ein Problem sieht), nicht behoben. Selbstredend wird es aufrechterhalten.
Der Vorteil, den man durch das Rauchen allerdings hat, ist, dass man nicht die unangenehmen Entzugserscheinungen aushalten muss, die immerhin 3 Tage anhalten.

Der Vollständigkeit halber sollte, zumal aus der Sicht eines Psychologen, erwähnt werden, dass auch Gewohnheit und diverse Seelische Aspekte wesentliche Gründe für das Rauchen sein können. Dazu vielleicht ein andermal.

Zweites Beispiel einer kurzfristige „Lösung“: Das Fernsehen oder Videospiele

Der Aspekt der Entspannung trifft ebenso zu auf Fernsehen, Video-Spiele o.ä.: Die Menschen sagen oft, sie könnten dabei abschalten. Tatsächlich sind diese Tätigkeiten messbar nicht entspannend. Sie helfen allerdings – wie Tagträume – dabei, eine innere Distanz zur Umwelt zu schaffen. Allerdings kann der Stress, den diese Tätigkeiten auf Dauer durch ihre hohe Reizüberflutung verursachen, wiederum das Bedürfnis  wecken, etwas für die „Entspannung“ zu tun, so dass man weiterhin vor dem Bildschirm sitzt.

Auch hier wieder: Der Bildschirmkonsum hilft kurzfristig, den Stress „abzubauen“ – eigentlich nur, den Stress nicht zu spüren – den der Bildschirmkonsum hervorruft.

Übertragung auf die Geschäftswelt

Im Bereich der Geschäftsführung begegnet man dem Phänomen des „Short-term fix, long-term problem“ nicht weniger oft als im Privatleben. Oftmals ist das Verhalten als solches nicht erkennbar, da die zunehmende Komplexität dafür sorgt, dass Probleme zeitlich und räumlich von ihrer Ursache getrennt erscheinen. Jede einzelne Verhaltensweise, ob von einer oder mehreren Personen, scheint an und für sich sinnvoll zu sein. Allerdings entsteht im Gesamten ein Verhaltensmuster, was für einen selbst und ggf. andere schädlich ist. Diese einzelnen Fragmente zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen,  ist übrigens der wesentliche Beitrag, den der systemische Blickwinkel auf die Welt leistet.

Drittes Beispiel einer kurzfristigen „Lösung“: Kundenstrategie

Im Laufe meiner Arbeit kam ich mit einem Unternehmen in Kontakt, das maßgeblich von den persönlichen Vorlieben des Chefs geprägt war. Ein klassisches Thema war die Frage über die Kundenstrategie. Es gab einige wichtige Kunden im Medizin-technischen Bereich, für die man beispielsweise die Benutzeroberfläche spezieller Geräte gestaltete. Das Problem: Um das wirklich gut zu machen und tief in die Materie zu gehen, hätte man eigentlich einen Spezialisten der Medizintechnik gebraucht, der einem direkt sagen kann, worauf es ankommt; es hätte eine Spezialisierung erfordert. Als kleine Agentur eigentlich umso sinnvoller.

Der Gedanke daran, sich auf Medizintechnik zu spezialisieren, schien beim Geschäftsführer allerdings die Angst auszulösen, dadurch die anderen Aufträge nicht mehr zu bekommen, was scheinbar „weniger Aufträge“ bedeuten würde. Dass die Spezialisierung auf Medizintechnik ja auch mehr Aufträge im Medizin-technischen Bereich mit sich bringen würde, war nicht Teil seiner Kalkulation – oder er sah dies als zu ungewiss an.

Und hier haben wir das Muster: Um kurzfristig die anderen (potenziellen) Kunden nicht zu verlieren, wird keine Schärfung des Profils, wird keine Spezialisierung vorgenommen. Durch die mangelnde Spezialisierung allerdings fällt man den Kunden, mit denen man ohnehin schon stärkeren Kontakt hat, auch nicht so sehr auf und kann ihre Aufträge nicht so gut bedienen, wie es möglich wäre. Um die kurzfristigen (gefühlten) Chancen nicht zu gefährden, wird auf eine langfristig mögliche Sicherheit durch fortlaufende und besser bezahlte Aufträge verzichtet.

Ängste und Unsicherheiten

Mit Sicherheit mag es strategische Situationen geben, in denen die Ressourcen so knapp sind, dass ein derartiges Umschwenken nicht so einfach ist. Meiner Erfahrung nach sind diese Situationen allerdings gefühlt viel häufiger, als sie de facto sind. Unsere Ängste und Unsicherheiten können uns große Streiche spielen; wir glauben, dass da keine Möglichkeit ist, weil wir uns gar nicht mehr trauen, in Richtung „alternative Lösung“ zu denken. Wir glauben, dass wir die Situation „rational“ betrachten. Allerdings werden die Richtungen, in die wir denken können – das sage ich als (Wirtschafts-) Psychologe – von unseren Gefühlen beschränkt. Ein hoher Stress-Level vermindert die Kreativität, die Wahrnehmung und die Entscheidungskraft. Das ist der wesentliche Grund dafür, dass Management, was auf Angst und übermäßiger Kontrolle basiert, absolutes Gift für Wissens-Arbeit ist.

Und letztlich ist bei aller Unsicherheit zu sagen: Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende. Wenn eine Firma beispielsweise lange Zeit an der Grenze der Existenz ist, scheint eine besondere Vorsicht vor großen Veränderungen sinnvoll. Doch im Endeffekt gibt es nicht allzu viele Varianten, durch die die Sache schlimmer werden kann, im Gegensatz zu den vielen Möglichkeiten, wie es besser laufen könnte.
In solchen Situationen ist es sinnvoll, sich die eigenen Ängste anzuschauen und auch die Annahmen, auf denen diese beruhen. Oftmals stellt man fest, dass das, wovor man sich fürchtet, lediglich ein Zwerg ist, der einen langen Schatten wirft. In aller Regel bereut man dann nur eines: Dass man sich der Situation nicht schon viel früher gestellt hat.