Sie baden sich in Ihren Unternehmen noch immer in ausgefeilten Prozessen, blubbern in hierarchischen Strukturen und planschen in Reporting-, Monitoring-, Status- oder Eskalationsmeetings? Dann sitzen Sie immer noch in der Taylor-Wanne – OMG!

Im 19. Jahrhundert trug der US-Amerikaner Frederick W. Taylor mit seiner Prozesssteuerung durch Arbeitsteilung stark zum Fortschritt der Industrialisierung bei. So wurde die Massenproduktion möglich. Mit hierarchischen Strukturen und genau festgelegten Prozessen hielt man Erfahrungen und Expertenwissen fest, sodass einfach und mit reproduzierbarer Qualität in Massen produziert werden konnte. Das Prinzip war: Wenige Experten und Manager denken und entscheiden. Dann führen viele Arbeiter  dies aus, also handeln und produzieren, ohne zu denken. Das war sehr vorteilhaft für die schnell wachsenden Massenmärkte.

Auch heute noch bestehen in fast allen Unternehmen diese Strukturen. In dem heutigen Marktumfeld behindern diese Strukturen leider immer mehr, als dass sie nützen.

Taylorismus

Die Taylor-Wanne zeigt das Marktumfeld, wie es sich über die letzten Jahrhunderte verändert hat.

Vor ca. 1850, im Manufaktur-Zeitalter, hatte man viele Handwerker, die ganz individuell und dynamisch Produkte für die Menschen herstellten. Damals war der Markt sehr lokal und es gab kaum Konkurrenz. Die Dynamik der Wertschöpfung war hoch, der kreative Mensch selbst (also der Handwerker) nahm eine wichtige Rolle bei der Produktion ein. Dann kam die Industrialisierung, die mit Arbeitsteilung und hierarchischen Unternehmensstrukturen die maschinelle und massenhafte Produktion ermöglichte. Somit konnte ein Vielfaches an Stückzahlen produziert und sehr viele Kunden erreicht werden. Die Dynamik der Produktveränderung und der Grad der Individualisierung blieb dabei eher gering und langsam, damit man günstig herstellen konnte.

Inzwischen sind wir auf dem Weg ins sogenannte „Wissenszeitalter“. Hier sind wir mit einem sehr globalen Markt konfrontiert. Durch die zusätzliche extrem hohe Vernetzung sind die heutigen Märkte sehr dynamisch [5]. In der Globalisierung ist Dynamik für Unternehmen wichtiger als andere Faktoren, wie Kosten, Größe etc. Die Kunden verlangen immer neue und verbesserte Produkte, am besten individualisiert, und Trends und Vorlieben wandeln sich schnell.

Die hierarchischen Strukturen in Unternehmen machen Entscheidungen zu langsam, um geeignet schnell auf die sich verändernden Märkte reagieren zu können. Genauso auch die über Jahre etablierten Prozesse, die dem Wandel des Marktes nicht entsprechen und folgen können.

Es funktioniert einfach nicht mehr

Dinge wie Prozesse, Hierarchie, Teilung von Entscheiden und Ausführen, Terminplanung, Monitoring, Forecast, Kontrolle funktionieren nur in einem Markt, in dem sich nicht viel verändert. Diesen Markt gibt es aber immer weniger. Daher sind andere Ansätze notwendig, um als Unternehmen erfolgreich zu bleiben.

Folgen wir dem Markt in ein neues Zeitalter

Mit Ansätzen aus der agilen Entwicklung wie z.B. Scrum fährt man in der reinen Software-Entwicklung seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Auch Lean Production, Lean Management, Kanban etc. bieten nutzbringende Ansätze in der Entwicklung und Produktion. Vorsicht, es handelt sich hierbei nicht nur um irgendwelche neue Techniken im Management oder in der Entwicklung. Nein, hier geht es hauptsächlich um eine neue Denkweise, ein neues Mindset. Dieses neue Denken baut auf Werte, Prinzipien und Dinge wie Eigenverantwortung,  Vertrauen, Transparenz, kontinuierliche Verbesserung, Kooperation, Orientierung auf Wertschöpfung und Kreativität [3][4]. Hierzu zählen auch die Werte und Prinzipien, wie sie im Agilen Manifest [1][2] beschrieben sind.

Wie packen wir denn nun die “Transformation” aus der Taylor-Wanne an?

Große Transformation – oder im Kleinen anfangen?

Antwort:

Beides.

Was Sie selbst tun können

Sie selbst können sofort bei sich selbst anfangen. Hier ein paar praktische Anregungen:

Ebenen der digitalen Transformation

Ebenen der digitalen Transformation

  • Geben Sie Verantwortung inklusive Entscheidungsgewalt an die Kollegen ab, die „wirklich“ Ahnung haben.
  • Fördern Sie Vertrauen zu Ihnen selbst durch häufige und respektvolle face-to-face Kommunikation.
  • Bieten Sie Transparenz, indem Sie die eigenen Absichten, Tun und Denken offen mitteilen und darlegen.
  • Informieren Sie sich über neue Wege, agile Transformation, digitale Transformation und ähnliche interessante Themen, so können Sie von Erfahrungen anderer profitieren.
  • Erzählen Sie Ihren Kollegen davon.
  • Konzentrieren Sie sich selbst in Ihren Tätigkeiten auf möglichst viel Wertschöpfung. Vermeiden Sie „Waste“ (please google for: Lean Prinzipien, Muda): Fragen Sie sich, wie Sie zur „eigentlichen“ Wertschöpfung beitragen können?
  • Versuchen Sie, einmal Ihre Aufgaben agil oder feature-orientiert und nicht phasen-orientiert abzuarbeiten (s.a. Wikipedia: FDD und Agile Produktentwicklung).

In Ihrem Team können Sie u.a. folgendes tun:

  • Akzeptieren Sie, dass jeder anders ist – und dass jeder dadurch ganz spezielle Fähigkeiten ins Team mit einbringen kann.
  • Bilden Sie interdisziplinäre Teams, die zusammen und konstant an einer Aufgabe arbeiten.
  • Vertrauen Sie darauf, dass jeder Ihrer Kollegen mehrere Rollen übernehmen kann, ganz individuell (z.B. als Kommunikator, Innovator, Vertriebler, Organisator, Präsentator, Risikobeauftragter, …)
  • Entwickeln Sie im Team agil oder feature-orientiert und nicht phasen-orientiert (s.a. Wikipedia: FDD und Agile Produktentwicklung). Ziel ist, sehr schnellen Feedback vom “Kunden” zu bekommen. Einfach mal ausprobieren, vielleicht zuerst einmal an einer kleineren Aufgabe.

Die große Transformation

Die „große Transformation“ braucht sowohl Unterstützung von den verwaltenden Mitarbeitern ( „Management“), um behindernde Strukturen angehen zu können, als auch gleichzeitig die Bereitschaft von den produzierenden Mitarbeitern (“Entwickler”, „Arbeiter“, „Fachexperten“ etc.). Aber auch da lässt sich im Kleinen anfangen und schrittweise vorgehen. Übrigens: Neben den eigenen Bemühungen kann externe Hilfe dabei einiges bewirken.

Das sind nur ein paar Ideen meinerseits, wie man konkret mit der Transformation beginnt.
Ihnen fällt da bestimmt noch mehr ein. Ich fände es sehr spannend, wenn Sie mir Ihre Ideen, Ihre wichtigsten ersten Schritte oder Gedanken  im Kommentar (ganz unten) mitteilen! Ich freue mich darauf…

Fazit

Die digitale bzw. agile Transformation ist weder Schikane noch eine hippe Modeerscheinung. Der Markt hat sich schon längst transformiert. Eine Transformation in Ihrem Unternehmen ist essentiell notwendig, um den Erfolg langfristig in einem sich stark verändernden Umfeld zu sichern. Dies betrifft praktisch alle Arten von Unternehmen. Auch Hardware- und Systementwicklung funktioniert sehr viel erfolgreicher mit den Ansätzen des Wissenszeitalters. Übrigens, in Start-Ups macht man unbewusst viele Dinge richtig, verlernt es dann leider schnell, wenn man sich in erfolgreiches „Unternehmen“ wandeln will.

Möchten Sie mehr über die agile Transformation in Unternehmen erfahren, bzw. sich vorbereiten? Dann empfehle ich Ihnen, eines unserer beliebten Trainings, wie beispielsweise das zum  Certified Agile Requirements Specialist (CARS), oder zum Scrum Master. 

weiterlesen unter

Blog: Vorbereitet sein auf den digitalen Wandel

Blog: Wie Sie Ihre agile Transformation erfolgreich gestalten

Blog: Agile Engineering

Blog: Kanban

Blog: Warum Sie als agiles Unternehmen erfolgreicher sind

Literatur und Links:

[1] Manifesto for Agile Software Development, http://agilemanifesto.org [zuletzt aufgerufen: 10.01.2018]

[2] Principles behind the Agile Manifesto, http://agilemanifesto.org/principles.html [zuletzt aufgerufen: 10.01.2018]

[3] N. Pfläging, „Organisation für Komplexität“, Redline Verlag, 2014

[4] N. Pfläging, S. Hermann, „Komplexithoden – Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität“, Redline, 2015

[5] P. Kruse, Video „Zukunft von Führung: kompetent, kollektiv oder katastrophal?“, 2013, www.youtube.com/watch?v=gLa4ropqcuY [zu­­letzt aufgerufen: 01.02.2016]