Am 27. Juni 2017 haben wir Sie im Blog-Beitrag UX == RE? – mit Gewinnspiel! aufgefordert, an einer Umfrage zum Thema UX (User Experience) teilzunehmen. Nach zahlreichen Rückmeldungen freuen wir uns, Ihnen das Ergebnis dieser Umfrage in Form dieses Blogbeitrages vorstellen zu dürfen.

Beginnen möchte ich mit den Aussagen eins bis drei:

Aussage 1: Der Benutzer steht im Mittelpunkt unserer Entwicklung

Aussage 2: Unser Entwicklungsgegenstand verfügt über eine Benutzungsschnittstelle

Aussage 3: Uns ist wichtig, dass ein Benutzer unseren Entwicklungsgegenstand effizient, effektiv und zufriedenstellend nutzen kann

Für alle drei Aussagen liegt der Anteil der positiven Antworten („trifft zu“ bzw. „trifft eher zu“) bei über 70 Prozent. Es lässt sich erkennen, dass der Benutzer und seine Nutzung des Systems in hohem Maße wichtig sind.

Vergleicht man nun die Ergebnisse der einzelnen Aussagen, lassen sich Auffälligkeiten feststellen, welche zu weiteren Fragen bzw. Aussagen führen. Betrachten wir die Ergebnisse zwischen den Aussagen eins und drei einmal genauer: für ca. 30 Prozent der Befragten steht der Benutzer zu 100 Prozent („trifft zu“) im Mittelpunkt der Entwicklung, allerdings gaben über 60 Prozent von ihnen an, dass der Benutzer den Entwicklungsgegenstand effizient, effektiv und zufriedenstellend nutzen kann. Eine These an dieser Stelle könnte sein, dass nicht der eigentliche Benutzer, sondern die Nutzung des Systems im Vordergrund der Entwicklung steht. Bemerkenswert ist auch die Erkenntnis aus Aussage zwei, dass bei knapp 6 Prozent der Umfrageteilnehmer der Entwicklungsgegenstand über keine Benutzungsschnittstelle verfügt, allerdings in den Aussagen eins und drei niemand „trifft nicht zu“ ausgewählt hat.

Aussage 4: Bei unserem Entwicklungsgegenstand ist nicht nur die eigentliche Benutzung wichtig, sondern auch das Benutzererlebnis davor und danach

An dieser Stelle scheint es vor allem interessant, die Aussagen drei und vier gegenüberzustellen. Zwar ist für knapp 65 Prozent der Umfrageteilnehmer die effiziente, effektive und zufriedenstellende Nutzung des Systems extrem wichtig, jedoch das Benutzererlebnis („User Experience“) vor und nach der Nutzung nur für knapp 18 Prozent. Bei knapp 12 Prozent ist das Benutzererlebnis vor und nach der Nutzung gar nicht relevant. Hier kann gemutmaßt werden, dass das Thema „User Experience“ anscheinend weniger wichtig ist als „Usability“. Wie sehen Sie dieses Thema? Sie können uns gerne Ihre Meinung in den Kommentaren dieses Blogbeitrages zukommen lassen.

Für diejenigen von Ihnen, die mit den beiden Begriffen „User Experience“ und „Usability“ noch nicht so vertraut sind, kann ich den folgenden Blogbeitrag empfehlen: UX == RE? – mit Gewinnspiel!

Aussage 5: Wir nutzen Usability-Methoden zur Erhebung unserer Anforderungen

Unsere fünfte Aussage zeigt deutlich, dass Usability-Methoden (bspw. Contextual Inquiries, Prototypes, Personas und Szenarien) bei der Erhebung von Anforderungen für die Befragten kaum bzw. wenig Anwendung finden. Dies ist aus unserer Sicht ein Widerspruch zu den Aussagen eins bis drei. Wieso verbindet man die beiden Themenfelder RE und UX nicht miteinander? Viele Techniken zur Erhebung von Anforderung sind sowohl im RE als auch im UX (in ähnlicher bis gleicher Form) vorhanden.

Einen ersten Schritt zur Schließung dieser Lücke bieten wir Ihnen auf der nächstjährigen REConf mit dem Workshop RE meets UX.

Aussage 6: Wir nutzen benutzerzentrierte Dokumentationsformen (z.B. Use Cases, Szenarien, Aktivitätsdiagramme) zur Beschreibung der Nutzung unseres Entwicklungsgegenstands

Bei den Ergebnissen zu Aussage sechs wird erneut deutlich, wie eng die Themen RE und UX miteinander verbunden sind. Über 60 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, benutzerzentrierte Dokumentationsformen zur Beschreibung der Nutzung des Entwicklungsgegenstands zu verwenden. Auch in der modellbasierten Anforderungsentwicklung werden diese Dokumentationsformen genutzt. Auch hier stellt sich also die Frage: Warum nicht Erfahrungen und Methoden aus dem RE mit UX verbinden?

Aussage 7: Wir benutzen Prototypen / Wireframes zur Evaluierung unserer Benutzungsschnittstelle

Sowohl Prototypen als auch Wireframes stellen eine gute Möglichkeit dar, Teilaspekte (bspw. bestimmte Funktionen, grafische Benutzeroberfläche, …) des Entwicklungsgegenstandes zu testen, ohne bereits das Produkt vollständig umgesetzt zu haben. Beide Methoden eignen sich ideal dafür, Feedback unmittelbar durch den späteren Benutzer, anhand der jeweiligen Benutzungsschnittstelle, zu erhalten. Gerade im Hinblick auf agile Vorgehensweisen (siehe hierzu auch Certified Agile Requirements Specialist (CARS)) bieten Prototypen und Wireframes die Möglichkeit, zu einem frühen Zeitpunkt Feedback einzuholen. Das Ergebnis der Umfrage an dieser Stelle ist sehr gemischt. Eine klare Aussage lässt sich bei den in Aussage sieben dargestellten Zahlen nicht treffen.

Aussage 8: Bei unserer Entwicklung verwenden wir einen Styleguide

Styleguides (im Deutschen auch Gestaltungsrichtlinien genannt) werden in der Entwicklung immer häufiger angewandt, sind aber noch nicht in allen Bereichen etabliert, oder werden absichtlich nicht genutzt. Ein ähnliches Bild zeichnen die Ergebnisse unserer Umfrage ab: Viele der Befragten haben die Aussage acht im positiven Bereich beantwortet. Allerdings gaben 10 Prozent der Teilnehmer, dass sie in ihrer Entwicklung auf die Verwendung eines Styleguides verzichten.

Aussage 9: Bei der Entwicklung unseres Entwicklungsgegenstands müssen wir Barrierefreiheitauflagen berücksichtigen

Das Thema Barrierefreiheit ist eines der großen Themen von UX. Betrachtet man nun die Ergebnisse der Umfrage, stellt man fest, dass knapp 60 Prozent der Teilnehmer mit einer negativen Antwort („trifft eher nicht zu“ bzw. „trifft nicht zu“) geantwortet haben. Ein durchaus überraschendes Ergebnis. Allerdings muss man an dieser Stelle auch die Frage nach der jeweiligen Zielgruppe, sowie den einzuhaltenden Auflagen für einen Entwicklungsgegenstand stellen. Weiterhin gilt es zu beachten, dass nicht für alle Produkte Barrierefreiheitsauflagen gelten.

Dass der Trend immer mehr Richtung Barrierefreiheit geht, lässt sich auch in der Barrierefreien-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0 [1] erkennen.

 

Feedback

Haben Sie Erklärungen für manche der aufgekommenen Fragen, oder wollen Sie uns einfach Feedback zu den aufgestellten Vermutungen geben? Gerne können Sie dies in Form von Kommentaren zu diesem Blogbeitrag tun.

An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an alle, die sich an der Umfrage beteiligt haben.

Herrn Michael Schumeth gratulieren wir herzlich zum Gewinn des Buches „Lean UX: Mit der Lean-Methode zu besserer User Experience“ von Jeff Gothelf und Josh Seiden!

 

Literatur:

[1] Die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz,  http://www.bmas.de/DE/Service/Gesetze/barrierefreie-informationstechnik-verordnung-2-0.html [Stand 29.09.2017]