• Requirements Austausch ist Silber – Virtuelle Zusammenarbeit ist Gold

 

Er hat der Forschung viele Rätsel aufgegeben, der um 820 entstandene sogenannte St. Galler Klosterbauplan. Heute geht man davon aus, dass es sich um einen Entwurf als Grundlage für einen weiteren eigenständigen Planungsvorgang handelt, der zwischen Auftraggebern und den Bauverantwortlichen ausgetauscht und besprochen wurde.

Austausch von Anforderungen hat es schon immer gegeben

Wir können diesen Plan als eine Art frühes Zeugnis eines Austauschs von Anforderungen betrachten, eine Art Lastenheft für einen Klosterbau.  Als ein Zeugnis für die Bestrebung, Einheitlichkeit durch Normierungs-Anforderungen und Standards zu erhalten, kann man die „Instructiones fabricae et supellectilis“ betrachten. 1577 von Carlo Borromeo, Erzbischof von Mailand, herausgegeben.

Das Problem der Vervielfältigung und Verteilung dieser Art von Dokumenten wurde zur damaligen Zeit über große Kopierstuben und die bereits vorhandenen Post- und Transportsysteme erledigt. Durch die elektronische Technologie sind heute die Möglichkeiten für Kopie und Verteilung unglaublich mächtiger und ohne viel Kosten zu haben.

Das täuscht uns manchmal und gibt uns eventuell zu denken, wir sind unseren Vorfahren um vieles voraus. Ist aber weit gefehlt. Die essentielle Tätigkeit, die Erstellung und die Pflege von Anforderungen ist hauptsächlich gleichgebliebene Denk- und Kommunikationsarbeit. Man muss sogar davon ausgehen, dass frühere Denker zu tieferer und schärferer Überlegung fähig waren, als es der abgelenkte Mensch unserer Tage ist.

Digitale Revolution, ein Sturm im Wasserglas?

Selbst die Verwendung digitaler Werkzeuge zur Dokumentation, denen man eine gewisse Überlegenheit gegenüber selbst eines ausgeklügelten Papierverwaltungs- und Bibliotheksbetriebs zusprechen muss, sind in der Gesamtbetrachtung vernachlässigbar. Die gedankliche Stützarbeit leistet das beschriebene Pergament genauso wie eine digitale Darstellung auf einem 43 Zoll Bildschirm.

So gesehen, ahmen wir oft mit den uns zur Verfügung stehenden Technologien nur unsere tradierten Wege nach. Dabei wird das Rad immer wieder neu erfunden, Austauschformate und formelle Beschreibungssprachen werden als neue Errungenschaft gefeiert.  Es sind natürlich kleine Verbesserungen, die ihr Potenzial dadurch erhalten, dass diese Lösungen Verbreitung erhalten und zu Quasi-Standards erhoben werden. Im Bereich des Austauschs von Entwicklungsdaten gibt es da unendliche Beispiele wie DXF, STEP, Gerber, XMI, ReqIF…

Anforderungsaustausch nur eine schlechte Gewohnheit?

Leider wird heute die Frage: „wie arbeiten wir zusammen?“ sofort in „Wer tauscht mit wem, was und wann aus“ übersetzt. Selbst in früheren Jahrhunderten gab es dazu ja schon die nicht selten genutzte Alternative, die Leute an einem Ort zusammenzubringen. Von den ganz großen Zusammenkünften dieser vergangenen Zeit, erzählen heute noch Protokolle und Ergebnisdokumente wie z.B. Konzilsdokumente aus der Antike oder dem frühen Mittelalter.  Ein etwas mehr mit Systementwicklung in Verbindung stehendes Beispiel sind die Apollo Programme der NASA. Hier ist bekannt, dass es große Treffen der Ingenieursgruppen gab, in denen vor allem Schnittstellenabsprachen und deren Dokumentation in ICDs (Interface Control Documents) stattfanden.

Oft passiert es aufgrund eines eskalierenden Projektverlaufs, dass kurze Wege geschaffen werden. Ich habe mich selber schon mehrmals in „War-Rooms“ und von „Task-Force“-en besetzten Besprechungsräumen wiedergefunden, um bei der Weltrettung mitzuhelfen.

Zusammenarbeit ist nicht einfach

Nun wäre es einfach zu sagen, dass man doch gleich kurze Wege schaffen soll, große Meetings im Stile eines „Scrum of Scrums“ Ansatzes. Der Teufel liegt hier in der richtigen Planung, Organisation und der Berücksichtigung des „human factors“, der das Team Building und seine bekannten Effekte beeinflusst.  Die verwendeten Werkzeuge und ihre Nutzung spielen dann auch noch eine Rolle.

Carpe organum

Es lassen sich heute auch kurze Wege schaffen, ohne große Räume anmieten zu müssen, oder so wie Kaiser Konstantin, ohne die Reisekosten von 300 Bischöfen für das Treffen in Nicäa tragen zu müssen. Hier kann uns die digitale Vernetzung immer dienlicher werden.

Leider kann man die digitalen Möglichkeiten auch komplett in den Wind schlagen. So gibt es Werkzeugnutzungskonzepte und Organisationen, die in deren Verwirklichung leben, die eine Welt des virtuellen Austauschs realisieren, wo doch Zusammenarbeit über Anforderungsebenen durch einfaches Ableiten und Verknüpfen möglich wäre.

Auch schade, dass diese neuen Konzepte vielerorts noch nicht mal in den Schubladen liegen. Ich hoffe aber, mit diesem Blog etwas Anstoß gegeben zu haben, dass sich zumindest die Schubladen füllen.