Unsere Welt ist komplex und schnelle Veränderungen bedrohen uns. Allerorten spricht man von Industrie-Revolution und Agilität. So fand ich in Prof. Peter Kruse wieder einmal einen hervorragenden Autor, der sehr anschaulich diese Schlagworte und Aussagen in einen praxistauglichen Kontext stellt und so die Transformation in seinen eigenen Alltag zu einem Synapsen-Feuerwerk werden lässt.
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Anhand zweier Dimensionen lassen sich natürliche und künstliche Systeme einordnen:

  1. Systeme sind, bezogen auf ihre Struktur mehr oder weniger einfach bzw. komplex, und
  2. bezogen auf ihre Zustände, mehr oder weniger stabil bzw. instabil.

Der Zustand und das Verhalten von Systemen kann folglich mit zwei Unterscheidungsdimensionen geordnet werden. Die eine Dimension beschreibt den Grad der Systemkomplexität und die andere beschreibt die Art der Systemdynamik.

In starker Vereinfachung erzeugen die beiden Dimensionen vier Grundtypen:

Die Systemkomplexität ist entweder niedrig oder hoch, wobei »niedrig« ein einfaches System mit geringer Zahl von beteiligten Elementen und geringer Vernetzungsdichte beschreibt; »hoch« dagegen ein komplexes System mit vielen beteiligten Elementen und ausgeprägter Vernetzungsdichte.

Die Systemdynamik ist entweder stabil oder instabil — wobei »Stabilität« bedeutet, dass sich das System vorhersagbar verhält und man aus dem vergangenen Verhalten das zukünftige Verhalten schätzen kann; »Instabilität« hingegen beschreibt, dass das System spontan sprunghafte Zustandsänderungen durchläuft und die Zukunft nicht als Verlängerung der Vergangenheit vorhersagbar ist.

Was auch immer als System beschrieben wird — ein Individuum oder eine Familie, ein mittelständisches Unternehmen oder ein internationaler Konzern, ein Staat oder eine Staatengemeinschaft — wir können auf diesem Abstraktionsniveau jedes System entweder als einfach-stabil oder komplex-stabil, als einfach-instabil oder komplex-instabil kategorisieren. Nützlich wird diese Einteilung jedoch erst durch die direkte Verbindung mit konkreten Handlungsstrategien.

Einfach und stabil

Nur wenn ein System einfach und stabil ist, wenn es also aus einer überschaubaren Zahl von lediglich gering miteinander vernetzten Elementen besteht und in seinem Verhalten vorhersagbar ist, kann es gesteuert werden. Steuerung, also das gezielte Erreichen eines vorgegebenen Ergebnisses durch eine Abfolge gerichteter und dosierter Kraftimpulse, ist gebunden an einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Bezogen auf den Markt ist die Handlungsstrategie der Steuerung letztlich beschränkt auf die seltene Situation des Monopols. Nur wenn alles, was produziert wird, auch abgesetzt werden kann, die Nachfrage grundsätzlich höher ist als das Angebot, ist der Markt steuerbar. Bezogen auf die Herstellung von Produkten lässt sich mit dem Konzept der Steuerung wohl nur eine einfache, nach strikter tayloristischer Arbeitsteilung organisierte Fertigungsstraße auf geringer technologischer Entwicklungsstufe angemessen beschreiben. Der Umgang mit einem solchen System kann dem Prinzip der reinen Steuerung folgen und ist programmtechnisch unkompliziert automatisierbar.

Komplex und stabil

Wird das System — bei weiterhin stabilem Verhalten — zunehmend komplexer, so gilt die Handlungsstrategie der Regelung. Bezogen auf Marktsituationen entspricht die Kategorie komplex und stabil der Marktführerschaft bei ständiger Anpassung des Angebots an eine sich ändernde Nachfrage. In der Produktion wäre ein komplexes und stabiles System etwa eine Fertigungsstraße mit teilautonomen Arbeitsgruppen oder flexibel auf Abweichungen reagierenden, sensiblen Robotern auf hoher technologischer Entwicklungsstufe.

Die Prozesse in diesem System werden durch eine verschachtelte Hierarchie von Regelvorgängen über negative Rückkopplung, also über die Minimierung von Soll-Ist-Abweichungen geordnet. Das Prinzip der Regelung basiert auf Rückmeldeschleifen. Komplexität baut sich dabei über die Verschachtelung und das Ineinandergreifen verschiedener Rückmeldeschleifen auf.

In allen biologischen Systemen, die für ihr Überleben auf die Einhaltung stabiler Bedingungen angewiesen sind, ist das Prinzip der Regelung besonders naheliegend.

Auch das menschliche Verhalten lässt sich unter bestimmten Bedingungen über die Prinzipien der Steuerung und der Regelung beschreiben. 1960 veröffentlichten Miller, Galanter und Pribram ihr, für die damalige Psychologie, grundlegendes Werk „Plans and structures of Behavior“. Sie modellierten das menschliche Verhalten über hierarchisch verschachtelte Regelkreise und nannten die Basis des Handelns »TOTE-Einheit«. Die Abkürzung »TOTE« steht für Test-Operate-Test-Exit. Der Mensch gestaltet seine Welt in diesem Modell über Ziele und Teilziele, deren Erreichung er über gerichtete Aktivitäten und einen andauernden Soll-Ist-Vergleich gewährleistet.

Diesem Schema folgt letztlich auch die Idee des Management by Objectives. Die Zielvereinbarungen und durch Kennzahlen gestütztes Controlling sind die direkte Anwendung der Kybernetik erster Ordnung auf die Unternehmensführung. Wann immer ein Berater oder ein Manager einen Prozess mit der Definition einer Zielvorstellung, eines Soll-Wertes und mit einer Situationsanalyse, also der Bestimmung des Ist-Wertes, beginnt, unterstellt er die Stabilität des Systems.


Sehr viel interessanter sind zweifelsohne die Handlungsoptionen für instabile Systeme, die ich gerne im nächsten Beitrag beschreiben werde.

Quelle: vgl. Peter Kruse, 2004, next practice – Erfolgreiches Management von Instabilität, 7. Aufl. 2013, GABAL