Auch dieses Jahr war ich auf dem Tag des Systems Engineering TdSE 2016. Diesmal in Herzogenaurach, abbildung05wo es wieder viele spannende Themen gab [2]. Als Mitglied der Gesellschaft für Systems Engineering (GfSE) und als Experte für Requirements Engineering bei HOOD verfolge ich mit hohem Interesse die Entwicklung des Systems Engineering (SE) im Bezug zum Requirements Engineering (RE). Mich freut es, dass diese „zwei Gebiete“ immer mehr zusammenwachsen und gemeinsam betrachtet werden. Im World Café, das ich mit moderieren durfte, stellten wir den Teilnehmern die Frage, ob das Zusammenspiel zwischen SE und RE noch tdsegeeignet ist, die zukünftigen Herausforderungen im Produktentstehungsprozess zu meistern (siehe auch unseren letzten Blogbeitrag TdSE 2016 – Trends im Systems Engineering dazu). Sowohl aus den Diskussionen, als auch aus den vielen interessanten Vorträgen habe ich einiges für mich mitgenommen, was ich mit ihnen gerne teilen möchte:

  1. Requirements Engineering ist im Systems Engineering durchgängig integriert. Diese zwei Gebiete wurden vor einigen Jahren oft noch als getrennte Disziplinen gesehen, RE war maximal „ein Tool“ im SE – wie es ein Teilnehmer des World Cafés so schön ausdrückte. Da Systems Engineering sich hauptsächlich aus der phasenorientierten Produktentwicklung, der „Wasserfall-Welt“, entwickelt hat, ist dort RE nur als eine der initialen Phasen, Anforderungserstellung und -analyse, betrachtet worden.  Dass sich die Arbeit mit Anforderungen über den ganzen Lebenszyklus vor allem in der Entwicklung erstreckt, weiß jeder, der jemals mit Anforderungen zu tun hatte. Das beginnt bei den Visionen, Concept of Operations, Use Case Erstellung, bei der Stakeholder-Analyse, bei der Zusammenarbeit mit den Testern, der Produktintegration, bis hin zum Feedback aus dem Betrieb und der Außerbetriebnahme. In unserer Arbeit mit den Kunden merken wir das tagtäglich. Und auch viele Systems Engineers sehen RE als einen durchgängig integrierten Bestandteil des Systems Engineering.abbildung07
  2. Modelbased Requirements werden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Heute ist ein zu entwickelndes Produkt in einer Spezifikation, also in Form von textuellen Anforderungen, festgelegt. Die Anforderungen sind die Referenz für vertraglich relevante Lastenhefte, Spezifikationen, Beauftragungen. Die Anforderungen sind „der Master“ für die Produktentwicklung. Im Systems Engineering geht die Tendenz dahin, dass immer mehr Information in Form von konzeptuellen Modellen wie SysML abgebildet wird. In vielen Vorträgen war die Sprache von dem Modell als durchgängige Basis für die Entwicklung. Viele Beispiele existieren dafür schon an Hochschulen und in Forschungsprojekten. In der Industrie scheint eine durchgängige Nutzung von Modellierung im Moment noch nicht erste Wahl zu sein. Einerseits fehlen hier noch bewährte Vorgehensweisen, andererseits können die Software-Tools derzeit noch nicht allen Anforderungen der Industrie standhalten. Sehr viele Vorträge und Workshops beim diesjährigen TdSE (unter anderem auch die Tool-Vendor Projekte der GfSE) lassen hier für die nähere Zukunft auf große Fortschritte hoffen.
  3. Wo sind die agilen Ansätze im Systems Engineering? Es war schön, zu erleben, dass inzwischen zwar das Wort „agiles agile-by-hood_bildVorgehen“ nicht mehr zu Nachfragen oder Unverständnis führt (wie es noch vor einigen Jahren der Fall war). Die meisten aus der SE Community können mit diesem Begriff schon etwas anfangen. Doch trotzdem befanden sich viele Vorträge noch im Umfeld des phasenorientierten Vorgehens. Im modernen Requirements Engineering sind die agilen Werte, agiles Manifest und Prinzipien, die agilen Methoden und Techniken nicht mehr wegzudenken (siehe auch Agile-by- HOOD). Da hoffe ich, dass sich  in der Zukunft das Systems Engineering noch einige Anregungen in der agilen Welt holt.
  4.  Systems Engineering mit neuen Organisationsformen für die Bewältigung der Komplexität? Solche Ansätze gab es vereinzelt in den Vorträgen.abbildung02  Die Organisationsform bestimmt stark das Vorgehen und die Methoden im SE und RE. Die Wichtigkeit der Rolle der Organisationsform und der Art der Zusammenarbeit innerhalb des SE und RE wird derzeit meines Erachtens noch sehr unterschätzt. Die großen Herausforderungen bei der Entwicklung von komplexen Systemen können nur dann in den Griff bekommen werden, wenn man die Bedeutung von neuen Organisationsformen im Systems Engineering erkennt. Themen wie Digitaler Wandel, Industrie 4.0, Internet of Things (IoT) fordern neue Strukturen in der Organisation. Die hierarchische Strukturierung von Unternehmen passt nicht mehr in eine Welt, in der komplexe Produkte in komplexem Umfeld entwickelt werden sollen. Um dem digitalen Wandel gerecht werden zu können, muss sich sowohl Systems Engineering als auch Requirements Engineering mit dem Thema „Organisation für Komplexität“ intensiver auseinandersetzen. Themen wie wertschöpfende Teams, mehrschichtige Netzwerke, dezentrale Organisation und Verantwortung, Management 4.0, Transparenz, Respekt, Führung als sozialer Prozess, u.v.a [1] müssen viel mehr Bestandteil des Systems und Requirements Engineering werden.

P.S.: Vielleicht treffe ich sie ja auf der REConf 2017 Ende März, ich würde mich freuen! Ich kann ihnen jetzt schon verraten, dass dort auch die oben genannten Themen durchaus präsent sein werden.

Referenzen:

[1] Niels Pfläging: Organisation für Komplexität, Redline Verlag, München, 2015

[2] Schulze, Tschirmer, Kaffenberger, Ackva (Hrsg.): Tag des Systems Engineering 2016, Carl Hanser Verlag, München, 2017