Anforderungen sind bekanntlich ungenau, fehlerhaft und widersprüchlich. Üblicherweise unterliegen sie außerdem denselben Naturgesetzen wie diejenigen, die sie äußern: Sie altern. Nicht alle Anforderungen leiden dabei unter den gleichen Symptomen gleich stark; einige sind wenige Stunden oder Tage nach ihrer Erstellung bereits zu alt. Andere jedoch altern langsam und in Würde. In ihren Aussagen und Inhalten liegt auch in späteren Projekten noch viel Weisheit und Wahrheit.

Aber warum sind viele Anforderungen bereits kurz nach Erfassen nicht mehr aktuell, ja sogar unbrauchbar oder falsch? Die Frage lässt sich sicherlich nicht in einem Blog Post wie diesem gänzlich erklären, die Gründe sind vielschichtig und komplex. Ein Grund dürfte aber folgender sein:
Wenn unsere Anforderungen nur kurz gültig bzw. aktuell sind, dann haben wir auch zu kurz gedacht.

Anforderungen können aus einer gewissen „Ermittlungstiefe“ heraus entstehen. Im einfachsten Fall nennt ein Stakeholder dem Entwickler eine Funktion, die er benötigt. Das ist ein Beispiel für die Ermittlung von Anforderung direkt an der Oberfläche. Wir erhalten sie über beobachtbares Verhalten und erlebbare Ereignisse. Anforderungen dieser Art sind einfach zu ermitteln, ihre „Halbwertszeit“ ist allerdings häufig auch sehr kurz. Menschen wissen häufig nicht was sie wollen und verhalten sich auch nicht immer korrekt bzw. rational.

Eine tiefergehende Form der Ermittlung zielt auf Verhaltensmuster unserer Umwelt ab. Daraus können wir Chancen, Trends, Wahrscheinlichkeiten und Potentiale ableiten und erhalten Anforderungen mit relativ hoher Gültigkeit. Diese Form der Ermittlung wäre empirisch.

Eine Anforderung kann außerdem unter Berücksichtigung von System- oder Sozialstrukturen ermittelt werden. Hierbei werden die unterschiedlichen Einflüsse auf ein konkretes Verhalten oder Verhaltensmuster von Gruppen und Individuen identifiziert.
Eine Anforderung dieser Ermittlungstiefe könnte sein, dass eine Banking-App nicht nur Überweisungen ermöglicht, sondern auch allgemeine Haushaltsausgaben und Ersparnisse aufzeichnen kann. Eine solche Anforderung kann häufig nicht „erfragt“, sondern muss erarbeitet werden, z.B. über Szenarien, Planspiele oder Kreativtechniken.

Schließlich können Anforderungen gesammelt werden, die die mentalen Strukturen von handelnden Individuen zum Betrachtungsgegenstand haben. Bei der Ermittlung solcher Anforderungen fragen wir üblicherweise nach dem „Warum“: Was sind unsere Sorgen, Nöte, Probleme und wirklichen Bedürfnisse? Wieso veranlassen sie uns, so zu handeln wie wir es oftmals tun?

Die Ermittlung von Anforderungen sollte also auf mehreren Dimensionen erfolgen. Je tiefer diese Dimension ist, desto höher ist meist auch die Relevanz und Langlebigkeit einer Anforderung. Anforderungen über den Flurfunk oder über Befragung alleine zu ermitteln, greift zu kurz.