Jedes Jahr veranstaltet die Gesellschaft für Systems Engineering GfSE den „Tag detdse2015s Systems Engineering“, kurz TdSE. Diesmal war er in Ulm, direkt an der Grenze von Baden-Württemberg und Bayern. Eine große Anzahl von Firmen aus der Luft- und Raumfahrt oder Automobilbranche sind nicht weit weg von hier angesiedelt. Aber auch aus anderen Teilen von Deutschland kamen die Teilnehmer und Vortragenden. Auch diesmal konnte ich Inspirationen und Einsichten mitnehmen. Was waren nun die aktuellen Trends im Systems Engineering und wie werden sie in Zukunft die Welt der Systementwicklung beeinflussen? Hier ein paar interessante Gedanken, die ich mitgenommen habe:

Modellbasierte Systementwicklung

Klassischerweise gab es wieder viele Beiträge zum Thema modellbasierte Systementwicklung MBSE (Model Based SystemsMBSEOrganization Engineering) und SysML. Damit  lassen sich komplexe Systeme anschaulich modellieren, darstellen, simulieren und handhaben. Mit verschiedenen Sichten auf das (meist sehr komplexe) System kann man gezielt verschiedene Aspekte des Systems betrachten und gestalten, z.B. nur die Funktion, die Struktur, das Verhalten oder die Anforderungen. Die Möglichkeiten und Vorteile sind extrem vielfältig und MBSE hat sehr viel Potential, wie in vielen Beiträgen klar wurde. Schon viele Tools unterstützen die Modellierung und in einigen Jahren wird MBSE und SysML auch in der Industrie so selbstverständlich sein wie heute CAD im Maschinenbau.

Kaffeeautomat am Flughafenterminal tvp-kaffee

Sehr interessant war ein parallel laufendes Tool-Vendor-Projekt. Hier zeigten mehrere Hersteller von Softwarewerkzeugen, wie man effizient einen modernen Kaffeeautomat am Flughafenterminal modelliert. Jeder Hersteller hatte an seinem Stand ein Modell des Projekts und während der Konferenz gab es eine Zusammenfassung und eine Kurzdemonstration. Dieses Jahr war der Fokus des Tool-Vendor-Projekts auf verteiltes Arbeiten und Sicherheitsanalysen (Safety) in der Entwicklung.

Interessante Themen und Trends

Diese zwei Schwerpunkte des Tool-Vendor-Projekts waren auch Themen, die in den Vorträgen behandelt wurden: Systementwicklung muss möglichst ganzheitlich betrachtet werden und die Aspekte der Sicherheit (inkl. Anforderungen, Fehlerbäume und -analysen) mit einschließen. Auch verteiltes Arbeiten wird immer häufiger und erfordert entsprechende Zusammenarbeitsmodelle sowie Toolunterstützung.

Ein weiterer Themenbereich, der zunehmend die Entwicklungsabteilungen beschäftigt, war die Variabilität und Versionierung von Systemen. Immer mehr Firmen müssen sich damit auseinandersetzen, wie man eine immer höhere Zahl an Varianten verwaltet, wie man Produktfamilien und Produktbaukästen gestaltet und wie man mit Versionen umgeht.

Industrie 4.0

Eine spannende Podiumsdiskussion stellte die Frage, was „Industrie 4.0“ für uns in der Systementwicklung bzw. im gesamten Produktlebenszyklus bedeuten wird. Unter dieser „vierten industriellen Revolution“, die im Englischen „Industrial Internet“ genannt wird, versteht man, dass die reale und virtuelle Welt zu einem Internet der Dinge, „Internet of Things“ (IoT) zusammenwächst. Gerade in Deutschland denkt man bei Industrie 4.0 sehr technologisch und produktorientiert. Ohne Frage ist Deutschland im Bereich Produktion und Produktherstellung sehr weit mit vorne. In der Diskussion wurde jedoch klar, dass über das Internet of Things hinaus auch ein „Internet of Peoplei40(IoP) und ein „Internet of Services“ (IoS) entsteht.  Diese drei Aspekte von Industrie 4.0 werden zukünftige Systeme entscheidend beeinflussen. Die Grenzen zwischen OEM und Zulieferer werden verschwimmen, viele verschiedene Hersteller und Produktlebenszyklen werden zu synchronisieren sein, die Strukturen werden sich von der „Integration“ zur „Föderation“ verschieben.

Die Herausforderungen von Industrie 4.0 sind vielfältig

Neue Geschäftsmodelle fehlen dazu weitgehend, genauso wie ein geeignetes Product Lifecycle Management. Vor allem braucht man neue Kollaborationsmodelle, d.h. neue Firmenstrukturen und Arten der Zusammenarbeit mit anderen Firmen, und Modelle für Verträge.

Model Based Systems Engineering kann dazu möglicherweise einen Beitrag leisten, sowie ein geeignetes Vorgehen bei der Standardisierung. Aber vor allem muss sich das Systems Engineering den Ideen der agilen Vorgehensweisen mehr öffnen. Lösungen in der Systementwicklung können sich nicht mehr auf Techniken und Prozesse beschränken, sondern müssen systematisch das „Denken“, den gesunden Menschenverstand, und den verantwortungsvollen Menschen mit einbeziehen.

Die im klassitvpschen Systems Engineering vertretene Herangehensweise mit langfristiger Planung und umfangreichen Spezifikationen muss von anderen Herangehensweisen ersetzt werden. Erfolgreiche Firmen agieren und reagieren darwinistisch, schnell, kurzfristig und risikobereit. Sie bauen auf agile Werte, Prinzipien und Techniken. Das Prinzip FFF, „fail fast, often and cheap“ ist in den USA bei vielen Firmen fester Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Dieses Prinzip könnte auch immer wichtiger für die deutsche Entwicklungs- und Unternehmenskultur werden. Die Entwicklungslandschaft Deutschland bietet aber durchaus Vorteile und hat Stärken vorzuweisen. Sie ist eher sicherheitsorientiert, sorgt für hohe Qualität und übernimmt gesellschaftliche Verantwortung. Damit kann sie sich von der Entwicklung in Übersee durchaus abheben, ohne stur dem Prinzip FFF folgen zu müssen.

Die GfSE kann hier beitragen, das Bewusstsein schärfen. GfSE-Logo_e_V_web_smallSystems Engineering kann in der Zukunft Kern sein, wenn Dienste, Dinge und Leute zusammenwachsen. Die GfSE ist ein ideales Forum, um Transparenz herzustellen, Standards zu definieren, Positionen zu beziehen, zu vernetzen und nicht zuletzt, um sich zu öffnen und einen Schulterschluss mit der Software-Community herzustellen.

Das neue Systems Engineering Handbuch

Die GfE ist ja das deutsche Chapter der INCOSE „The International Council on Systems Engineering“. Die GfSE hat gerade die erste deutsche Übersetzung des INCOSE Systems Engineering Handbuchs  herausgebracht, da kommt aus USA schon die neue Version, getrieben vom neuen Standard ISO/IEC/IEEE 15288:2015 und dem SEBoK der BKCASE. In einem Vortrag wurden kurz die Neuerungen skizziert, die nicht gravierend, aber interessant sind: Neu sind zum Beispiel die Kapitel „Business or Mission Analysis Process“, „System Analysis Process“, „Quality Assurance Process“ und „Knowledge Management Process“. Änderungen sind u.a.

  • Erweiterungen beim Thema Denken in Systemen SE-Handbuchund dem Nutzen von SE,
  • statt nur ConOps, einem Konzept, das den übergreifenden Betrieb von einem System-of-Systems beschreibt,  gibt es jetzt auch „OpsCon“  für ein lösungsneutrales Konzept auf Systemebene,
  • neben dem V-Modell gibt es jetzt auch das Spiralmodell,
  • Tailoring ist jetzt erweitert inkl. branchenspezifischem Tailoring,
  • es gibt einen Abschnitt zu Ethik und Weiterbildung.

Spannende Themen – 2016 in Herzogenaurach

Vieles gäbe es noch zu erzählen, vom  World Cafe, vom Studentenwettbewerb und den besten Abschlussarbeiten, von den Key-Notes, den Workshops und von der Ausstellung oder der Abendveranstaltung etc. Alles in allem war es eine sehr spannende und interessante Konferenz. Toll, dass neben den hoch aktuellen und modernen Themen des Systems Engineering jeweils auch eine einzigartige Mischung von Forschern, Entwicklern, Beratern und Toolherstellern anwesend war. Wer sich für Systems Engineering interessiert, sollte nächstes Jahr auf jeden Fall dabei sein, dann in Bayern, in Herzogenaurach.