Bei meinem letzten Projekt wurde ich Zeuge einer interessanten Begebenheit. Frühmorgens kam Product Owner Bernd in die Teambesprechung und traf dort den Rest seiner Mannschaft an. Es wäre ein ganz normaler Tag geworden mit einem ganz normalen Daily Scrum. Das Team hätte mit Hilfe des Taskboards reflektiert, was es seit dem letzten Daily Scrum erreicht hat, was es bis zum nächsten Daily Scrum erreichen möchte, und was dabei im Weg steht. Sowohl das Taskboard wie auch das Sprint- und das Product-Backlog befanden sich auf Klebezettel und tapezierten seit einiger Zeit die Wände eines Berliner Großraumbüros. Alles lief eigentlich wie am Schnürchen, die User Stories waren ausgiebig analysiert, das Team höchst motiviert und das Produktinkrement stellte selbst den kritischsten Kunden zufrieden. Es hätte alles so einfach sein können…

„Hat jemand unsere Planung gesehen?“ fragte Manfred der Entwickler. „Leider nein“, antwortete Susi die Testerin. Bernd kam noch dazu. „Gibt es hier ein Problem?“ fragte er. „Ja“, antwortete Manfred. „Unsere Planung ist weg. Weg, einfach Alles!“

Als Bernd den Raum betrat, traute er seinen Augen nicht mehr. Alle Klebezettel wurden entfernt. Das Product Backlog war so leer wie das Taskboard. Schnell rannte Bernd hinaus zu dem Papiermüll im Hinterhof. Dort traf er auf eine der Reinigungskräfte. „Haben Sie zufällig unsere Planung gesehen“, fragte Bernd, „gelbe Klebezettel, die hingen oben im Büro“. „Ach die… oh, die Zettelchen sind schon entsorgt… ich dachte das wäre Müll“, entgegnete die Reinigungskraft.

Eine viertel Stunde später traf sich das Scrum Team in einer Besprechung. Anwesend war auch Steve, der CEO der Firma. „Alles halb so schlimm“, meinte Steve. Seines Zeichens ebenfalls langjähriger Softwareentwickler. „Wir haben uns doch extra für Scrum entschieden, damit wir auf umfassende Dokumentation verzichten können“, beschwichtigte er die Teammitglieder. „Brauchen wir die User Stories überhaupt?“, fragte er in die Runde.

Eigentlich hatte Steve den Nagel auf den Kopf getroffen. Schließlich wird oft genug begründet, dass funktionierende Software laut agilem Manifest (www.agilemanifesto.org) schließlich höher zu bewerten sei als umfassende Dokumentation.

Das Team reagierte aus der Situation jedoch völlig anders als erwartet. Zuerst preschte Manfred der Entwickler vor. „Ohne die User Stories fehlt später die Basis für die Wartung und Weiterentwicklung unseres Produktes. Wir stehen am Ende des Projekts ohne Dokumentation da. Software, die nicht dokumentiert ist, ist wertlos!“, stotterte er, „Und was das Bugfixing angeht, möchte ich mir jetzt gar keine Gedanken machen“, brummte er weiter.

Als Manfred fertig war, legte Susi nach. „Ich benötige die User Stories um Testfälle abzuleiten, außerdem bilden sie die Grundlage meiner Arbeit!“, jammerte Susi, „außerdem helfen mir die User Stories für die Verbindungen zwischen den Testfällen, falls es zu einer Weiterentwicklung kommt.“

Dann sagte Bernd: „Mit Hilfe der User Stories wurden unsere Entscheidungen kontinuierlich dokumentiert, das hat mich wirklich total entlastet. Die Teammitglieder konnten Entscheidungen nachvollziehen ohne permanent mit mir Rücksprache zu halten.“

Steve erkannte so langsam den Mehrwert einer Dokumentation in einem agilen Projekt. „Ganz ohne Dokumentation scheint es also nicht zu gehen“, murmelte er leise.

Gemeinsam mit dem Team machte er sich auf die Suche nach der Planung im Mülleimer und kurze Zeit später war das Büro wieder „tapeziert“. Gemeinsam mit dem Team wurden dann verschiedene Tools evaluiert und die Planung digitalisiert.

Welche Tools Steve zusammen mit dem Team evaluierte und welchen Herausforderungen sich das Team noch stellen musste, das lesen Sie das nächste Mal auf unserem Blog.

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