Meinen Rücken gegen einen großen, unförmigen roten Kunststoffgriff pressend, versuche ich, mein linkes Bein zu entlasten, welches beim Versuch den nächsten Vorsprung zu erreichen, verhängnisvoll zu zittern beginnt. Während die Blase meines großen Zehs indes zu reißen beginnt, fängt meine linke Hand hektisch an, die Wand nach einem weiteren Griff abzusuchen.

So hänge ich keine 2 Minuten nach dem Start an der Wand und fange an zu begreifen, dass hier gerade etwas furchtbar schief läuft. Routen wie diese hatte ich schon etliche Male erfolgreich hinter mich gebracht. Auch die auf einer Plakette eingravierte Schwierigkeitsstufe am Fuße des Kunstfelsens deutete nicht darauf hin, dass ich eine Gemeinheit zu erwarten hätte. Sogar vorbereitet hatte ich mich! Von unten konnte ich mir die Positionen der Griffe und Tritte gut einprägen und mir einen Bewegungsablauf zurechtlegen. Selbst der Wildecker Herzbube, den ich hier vor einer halben Stunde beobachten konnte, flog förmlich eben diese Wand hoch, in der ich jetzt gefangen zu sein schien.

Trotz meiner guten Vorbereitung, dem Wissen eine Route zu klettern, die meinem Können entspricht und der Gewissheit, dass es auch andere vor mir geschafft haben, war ich nicht in der Lage, den nächsten Schritt zu gehen. Völlig entkräftet ließ ich mich in die Sicherung fallen und gab das Zeichen zum Abseilen. Unten angekommen klopfte mir mein Kletterpartner grinsend auf die Schulter und analysierte meinen gescheiterten Versuch:

„Mir war schon nach deinen ersten 3 Zügen klar, dass das nichts wird!“ Sein schelmisches Grinsen wurde breiter.

„Warum?“, fragte ich konsterniert.

„Statt nach einem erfolgreichen Zug auf einen sicheren Stand zu achten, hast du gleich zum Nächsten angesetzt. Dein zweiter Zug hatte dann reichlich wenig mit „Sportklettern“ zu tun!

„Es musste schnell gehen, da blieb keine Zeit für Deine tollen Klettertechniken“, unterbrach ich ihn rechtfertigend.

„Super!“ brach es aus ihm heraus „Hast ja gesehen was du davon hast. Danach warst du so darauf fixiert, das Sicherungsseil einzuhängen, deine Hände mit Kalk einzureiben und der Kleinen in der Route nebenan zu imponieren, dass du den zusätzlichen Griff neben dir gar nicht bemerkt hast.“

Ich lief rot an, gab ein kleinlautes „Hast ja recht“ zu Protokoll und machte mich auf dem Heimweg.

Ohne es zu merken, hatte mir mein Kletterpartner eine Lektion in „Agilität“ erteilt. Statt in kürzeren Abständen auf einen sicheren Halt zu achten, war ich weiter geeilt und dabei das Gleichgewicht verloren. Statt technisch sauber zu klettern um Kräfte zu sparen, hatte ich nur das schnelle Erreichen des nächsten Ziels vor Augen. Anstatt mich in Ruhe zu sichern, war ich mit drei Dingen gleichzeitig beschäftigt. All das hat mich in eine Situation gebracht, aus der es kein Zurück mehr gab. Doch Dank der Retrospektive meines Kletterpartners weiß ich, wie ich es beim nächsten Mal besser machen kann.