Lassen Sie mich ihnen heute Techniken zur Überprüfung von Anforderungen / Anforderungsdokumenten näherbringen, deren negative Auswirkungen bei falscher Anwendung ich tagtäglich zu spüren bekomme.

Zunächst möchte ich anhand von drei Techniken skizzieren, wie ein Review im Idealfall ablaufen sollte.

  • Das Vier-Augen-Prinzip ist die minimalste und auch unkomplizierteste Form eines Reviews. Dabei lässt der Anforderungsautor seine Anforderungen durch eine zweite Person prüfen. Diese Form des Reviews erfordert nahezu keine Vorbereitung und kann schnell per Telefon, direkt am Arbeitsplatz des Anforderungsautors oder zeitversetzt durchgeführt werden. Eben weil diese Technik so einfach zu handhaben ist, sollte sie im Alltag wann immer nötig eingesetzt werden – wir alle kennen das Problem, nach einiger Zeit eine Blindheit für Fehler selbstgeschriebener Dokumente zu entwickeln.
  • Beim Walkthrough führt der Anforderungsautor eine definierte Teilnehmergruppe (z.B. Tester, Qualitätssicherer, Architekten) durch sein Anforderungsdokument. Mängel werden durch die Reviewteilnehmer identifiziert und in der Gruppe diskutiert. Der Vorteil dieser Technik gegenüber dem Vier-Augen-Prinzip liegt darin, dass die Anforderungen von mehreren Personen und damit auch von mehreren Rollen geprüft werden.
  • Die Inspektion stellt die formalste Review-Technik dar. Auch hier werden die Anforderungen von einer Teilnehmergruppe überprüft, wobei es klar definierte Rollen gibt (Autor, Moderator, Vorleser, Protokollant, Inspektoren). Der Moderator plant im Vorfeld das Review, indem er die Inspektoren auswählt, die zu prüfenden Dokumente verteilt und Raum- und Terminplanung übernimmt. Für die Analyse der Anforderungen gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder werden die Anforderungen von den Inspektoren vor der Reviewsitzung geprüft und gefundene Fehler oder offene Fragen werden notiert; während der eigentlichen Sitzung werden dann nur noch Anforderungen mit Anmerkungen besprochen. Oder aber die Anforderungen werden gemeinsam während der Reviewsitzung geprüft. Die Wahl der Methode bei der Inspektion richtet sich nach dem Umfang der zu prüfenden Anforderungen. Mängel in den Anforderungen werden dann korrigiert und das Anforderungsdokument wird für eine weitere Inspektion vorbereitet.

Man sollte annehmen, dass mithilfe dieser drei Techniken Anforderungen effizient geprüft werden können – schließlich sollte es ein Bestreben sein, Fehler in Anforderungsdokumenten so früh wie möglich zu erkennen, da die Kosten für die Beseitigung eines Fehlers immer weiter ansteigen, je weiter ein Projekt voranschreitet.

Woran liegt es also, dass in der Realität oftmals viel Geld mit ineffizienten Reviewsitzungen verbrannt wird? Der Grund dafür ist eine Verkettung von Ereignissen, welche ich hier näher beschreiben möchte.

Das Management ist ständig bestrebt, Zeit und Geld zu sparen. An sich ist dies ein lobenswertes Ziel, es behindert aber oftmals die gründliche Durchführung von Reviews. Denn: Wird Entwicklungsbeteiligten nicht zugestanden, einen Teil ihrer Arbeitszeit für Reviews aufwenden zu dürfen, werden diese zu Reviewsitzungen entweder gar nicht, oder nur unvorbereitet erscheinen. Als akzeptiert gilt das Anforderungsdokument nach Durchführung des Reviews aber trotzdem – egal, ob ein eingeladener Inspektor die Anforderungen geprüft hat, oder nicht! Der Anforderungsautor muss davon ausgehen, dass alle eingeladenen Personen das Review auch durchgeführt haben. Das hat zur Folge, dass Anforderungen zwar offiziell als geprüft gelten, aber im schlimmsten Fall trotzdem noch die gleichen Fehler wie vor dem Review enthalten.

Wir sehen also, wie wichtig es ist, dass das Management grünes Licht für Reviews gibt und die entsprechenden Ressourcen auch einplant – und das nicht nur im Team, sondern teamübergreifend! Vor allem bei abstrakten Anforderungsdokumenten wie z.B. einer Systemspezifikation werden die eingeladenen Reviewteilnehmer mit hoher Wahrscheinlichkeit aus verschiedenen Teams stammen – hier ist also eine teamübergreifende Reviewstrategie enorm wichtig.

Verfolgen wir die Kette der Ereignisse noch etwas weiter. Reviewteilnehmer erscheinen (wenn überhaupt) widerwillig und unvorbereitet zum Reviewtermin und wissen dabei genau, welche andere anstehende Arbeit in diesem Moment liegen bleiben wird. Dies hat zur Folge, dass die Reviewsitzungen zäh und somit auch frustrierend für alle Teilnehmer sind – was die ursprünglich vorhandene Abneigung bloß noch weiter verstärkt! Ein Teufelskreis.

Die vermeintlich geprüften Anforderungen werden dann nach Monaten z.B. von Testern erneut analysiert. Es könnte passieren, dass das entwickelte Produkt von den Anforderungen abweicht, weil in der Spezifikation vorhandene Fehler entdeckt, aber niemals in den Anforderungen selbst korrigiert wurden. Es kann aber genauso gut sein, dass das Produkt den fehlerhaften Anforderungen entspricht, und wenn dies geschieht, sind wir endgültig bei der unnötigen Geldverbrennung angelangt.

Ich wollte mit dieser Verkettung von Ereignissen aufzeigen, wie wichtig es ist, Anforderungsdokumente frühzeitig gewissenhaft zu prüfen. Dies erfordert zwar Aufwand früh in der Entwicklung, welcher sich aber auf lange Sicht ohne Zweifel bezahlt machen wird. Deswegen meine Ratschläge an Sie:

  • Räumen Sie Zeit für Reviews ein!
  • Bereiten Sie Reviews gewissenhaft vor!
  • Etablieren Sie eine positive Einstellung gegenüber Reviews und vermitteln Sie die Vorteile!
  • Auch wenn die Zeit knapp ist, laden Sie als Autor zumindest zu einem Minimal-Review nach dem Vier-Augen-Prinzip ein!