Das agile Manifest ist über 10 Jahre alt. Ich bin Anhänger der Werte und Prinzipien, die in diesem Manifest beschrieben wurden. Für mich gehört zu einem Prozess der Verinnerlichung dieser Werte und Prinzipien allerdings mehr als der Glaube an die Ko­ry­phäen, die sich damals darauf geeinigt haben.

Ich finde, dass man sich auch mit Gegenargumenten auseinandersetzen und für die eigenen Positionen gute Begründungen finden sollte. Dazu folgendes, nicht ganz ernst gemeintes Gedankenexperiment.

Prozesse und Tools
Sie müssen sich entscheiden: wollen Sie Chaos oder Prozesssicherheit? Prozesse weisen jedem Mitarbeiter eine Rolle und definierte Arbeitsschritte zu. Menschen sind nun mal nicht alle gleich, und diese Arbeitsteilung ermöglicht die Spezialisierung der Mitarbeiter gemäß ihrer Talente und Fähigkeiten – ein Gärtner muss nicht das gleiche können wie ein Tischler, und ein Softwarearchitekt nicht das gleiche wie ein Projektmanager. Für ein Unternehmen bieten definierte Prozesse auch nur Vorteile: Arbeitsabläufe lassen sich effizienter durchführen als ohne Arbeitsteilung, da sich jeder Mitarbeiter auf die ihm zugewiesene Aufgabe fokussieren kann und nicht zwischen verschiedenartigen Aufgaben wechseln muss.

Tools sind aus dem heutigen Arbeits- und Privatleben nicht mehr wegzudenken. Sie sind allgegenwärtig. Für die Arbeitswelt ermöglichen Tools vor allem zweierlei: die Optimierung von Geschäftsprozessen durch Automatisierung von sonst manuellen Arbeitsschritten, und die nachhaltige, nachvollziehbare Speicherung von Daten.

Ausführliche Dokumentation
Natürlich ist lauffähige Software wichtig, dafür entwickelt man ja immer, ob nun agil oder nicht. Allerdings: über 80% des Lebenszyklus befindet sich Software in der Wartung. Wie sollen die Wartungsverantwortlichen ihren Job machen, wenn sie  undokumentierten Code vorfinden, keine vollständigen Anforderungsspezifikationen und damit auch keine Traceability, die ja Auswirkungsanalysen (Impact Analysis) erst möglich macht? Natürlich ist Dokumentation eine Investition, aber eine, die sich spätestens in der Wartung oder beim Einlernen neuer Mitarbeiter auszahlt.

Vertragsverhandlungen
Vertragsverhandlungen sind die Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit Kunden, und daher fundamental wichtig. Mit einem Vertrag legen die Vertragspartner fest, was sonst nur spekulativ ist. Verträge sind eine Absicherung für beide Vertragsparteien: für den Kunden sichern sie ab, was er geliefert bekommt. Der Lieferant sichert sich ebenfalls ab, weil von ihm nicht mehr gefordert werden kann, als im Vertrag vereinbart. Natürlich ist die Zusammenarbeit wichtig, die Verpflichtung dazu ergibt sich aber völlig logisch daraus, dass ein Vertrag geschlossen wurde, und ist daher nicht weiter erwähnenswert. Würden Sie sich denn z.B. ein neues Handy besorgen, wenn die monatlichen Zahlungen, die Sie zu leisten haben, nicht vertraglich vereinbart sind?

Einem Plan folgen
Der Fortschritt eines Projektes lässt sich nur feststellen, wenn es einen Plan gibt, der am Anfang des Projektes feststeht. Nur so lässt sich der aktuelle Stand des Projekts mit einer Referenz vergleichen – wie soll das sonst gehen? Durch den Vergleich des aktuellen Stands des Projekts mit dem geplanten Stand erfährt der Projektmanager erst, wie es um sein Projekt steht, kann das an das höhere Management reporten und wenn nötig auch eingreifen, um den Projekterfolg zu sichern (z.B. mehr Ressourcen einplanen).
Wenn Änderungen auftreten spricht das für eine schlechte Planung am Anfang, schließlich sind die Lieferumfänge schon im Vertrag beschrieben. Um im Notfall dennoch ragieren zu können, ist ein Change Management Prozess sinnvoll – es reicht aber, diesen einmalig unternehmensweit zu definieren. Die weitaus größere Herausforderung und Wichtigkeit hat aber die Detailplanung am Anfang eines Projekts.

Ich persönlich begegne den oben dargestellten Aussagen und Haltungen in meinem Arbeitsalltag immer wieder. Ich versuche, sie so gut wie möglich zu verstehen und nicht gleich abzulehnen, auch wenn ich in vielen Fällen anderer Meinung bin. Oder besser gesagt: ich bemühe mich um eine differenziertere Meinung, die auch den Kontext mit einbezieht, auf den die Aussagen angewandt werden. Wie stehen Sie dazu?

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