Die Nutzung mobiler Apps stieg im vergangenen Jahr durchschnittlich um 115 Prozent (Quelle: zdnet). Einen großen Teil dazu beigetragen haben vor allem Messaging Apps wie Facebook, Twitter oder WhatsApp, aber auch die sogenannten Produktivitätsanwendungen („Utilities & Productivity Apps“ wie Evernote oder Quip). Die Anzahl und Verwendung mobiler Endgeräte, dazu zählen vorrangig Smartphones und Tablets, nimmt also rasant zu.

Einhergehend mit dieser Entwicklung zeichnet sich ein bereits seit längerem absehbarer Trend hinsichtlich wandelnder Dienstleistungsstrukturen und Unternehmensstrategien ab mit dem Ziel, die Gewohnheiten und Bedürfnisse von Angestellten besser zu berücksichtigen und in den Arbeitsablauf einzugliedern.

Eine noch relativ junge Unternehmensstrategie ist die „Bring your own device“-Bewegung, die den Mitarbeitern eines Unternehmens die Anschaffung und Verwendung privater Geräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones gestattet. Solche BYOD-Devices dürfen dann zur Verarbeitung und Speicherung firmeninterner Daten genutzt werden.

Was die veränderten Dienstleistungsstrukturen anbelangt, zeugen eine Vielzahl von Begriffsschöpfungen und Metaphern von einem neuen Verständnis des Service-Begriffs: Namen wie „Cloud-Computing“, „Software as a Service (SaaS)“ oder „Software on Demand“ umschreiben den Trend, Software, Datenhaltung oder sogar ganze Arbeits-/Infrastrukturumgebungen zu dezentralisieren und über das Internet global zur Verfügung zu stellen. Als Folge davon ist ein standortabhängiger Arbeitsplatz mit Desktoprechner in vielen Bereichen nahezu obsolet geworden; Daten können von (fast) überall her abgerufen, verändert und zurückgeschrieben werden. Die Telekom hat kürzlich für 2014 den „Managed Workplace“ oder auch „Büro to go“ vorgestellt (Quelle: zdnet). Ein Konzept, wonach der persönliche Arbeitsplatz in die Cloud ausgelagert wird und damit virtualisiert und von überall her abrufbar wird.

Solche Technologien haben zum einen erheblichen Einfluss auf unser Kommunikations- und Sozialverhalten, sie verändert aber auch unsere täglichen Arbeitsgewohnheiten und Handlungsabläufe. Welche beruflichen Auswirkungen kann diese Entwicklung nun für Menschen haben, deren Arbeits- und Aufgabengebiet irgendwo im RE liegt und wie können solche kommunikativen und sozialen Veränderungen im Sinne des RE genutzt werden?

Die gewonnene Flexibilität des Datenzugriffs, eine kontinuierliche Verfügbarkeit von Werkzeugen und benötigter Technologie sowie die beinahe durchgängige Erreichbarkeit bieten dem Analytiker praktische Vorteile, die er bei seiner täglichen Anforderungsarbeit nutzen kann. Konkrete potentielle Verbesserungen im Arbeitsalltag eines Analytikers sind daher schnell gefunden:

  1. Der Analytiker selbst ist weniger fest an einen Ort gebunden und kann seine Arbeit in engerem Kontakt zu seinen Stakeholdern ausüben, ohne auf wichtige Daten und Werkzeuge verzichten zu müssen.
  2. Die Stakeholder erhalten ebenfalls die Möglichkeit, unterstützende Werkzeuge bzw. Tools zum Zwecke der Anforderungsanalyse kollaborativ und gemeinschaftlich zu nutzen.
  3. Als Kombination von Punkt 1 und 2 ergeben sich neue Verwendungszwecke, mobiles RE bequem an unterschiedlichen Orten zu nutzen, beispielsweise in Workshops, bei Interviews, bei Besprechungen oder für schnelle Notizen in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Skeptisch betrachtet möge man jetzt argumentieren, dass die aufgeführten Techniken und Möglichkeiten bereits vor der Tablet-Generation möglich waren, etwa durch den Einsatz von Notebooks und den Zugriff auf ein gesichertes VPN-Netz. Folgende Gründe sprechen allerdings dafür, dass der Umgang mit Geräten der „neuen Mobilität“ weitere Vorteile bietet, als mit einem klassischen Notebook:

  1. Die Nutzung von Apps auf handlichen Smartphones/Tablets definiert eine neue Form von Mobilität oder anders gesagt: ein Notebook ist schlicht weniger mobil als ein Tablet!
  2. Die neuen Bedientechnologien durch haptische Displays und Gestensteuerung „zwingen“ die Entwickler moderner Apps zu noch einfacheren und intuitiveren Steuerungskonzepten. Dadurch können Programme einen Ruf als kompliziertes Expertenwerkzeug leichter abstreifen. Eine App wird als zugänglicher angesehen als ein klassisches Softwareprogramm.
  3. Ein Tablet oder Smartphone hat einen anderen, eher individualistischen Stellenwert als ein Notebook. Dieses dient meist als reines Arbeitswerkzeug. Ein Smartphone-Besitzer sieht in seinem Produkt bereits eine digitalisierte Erweiterung seines eigenen Profils und seiner Persönlichkeit. Berufliche Software als App bedeutet daher auch häufig den Zugriff auf die Privatperson selbst.

Aus größerer Entfernung betrachten bietet der Gedanke eines „mobilen RE“ damit weiträumigere Freiheiten und einen direkteren persönlichen Umgang und kann den Anforderungsanalytiker hinsichtlich dieser Prinzipien unterstützen:

  1. Mobiles RE bewahrt einen authentischen Kontext und ermöglicht eine Anforderungsanalyse im unmittelbaren und direkten Umfeld des Stakeholders, ohne auf bestimmte räumliche und zeitliche Änderungen zurückgreifen zu müssen (z.B. der Besuch eines Workshops in arbeitsfremder Umgebung).
  2. Mobiles RE kann situativ und spontan stattfinden, so wie ein Schriftsteller bei plötzlichen Einfällen stets sein Notizbuch dabei hat. Moderne Technologie ermöglicht die Dokumentation und Verarbeitung von Anforderungen in verschiedenen Formaten direkt vor Ort.
  3. Mobiles RE ist ein entscheidender Schritt, die Anforderungserhebung privater, individueller und persönlicher auszurichten und hilft dabei, Anforderungen als zentrale Bedürfnisse eines bestimmten Stakeholders zu begreifen (über damit verbundene Nachteile sprechen wir in einem späteren Beitrag). So wie mobile Geräte in Form von Smartphones und Tablets als persönliche, stark individualisierte Wegbegleiter gesehen werden, können auch die darauf befindlichen Anforderungen den Status persönlicher Ziele und Wünsche einnehmen und dadurch an Wertigkeit und Ehrlichkeit gewinnen, anstatt auf Knopfdruck hinter den Türen der Firma generiert zu werden.

Die drei genannten Aspekte mögen auf den ersten Blick wenig griffig und umsetzbar erscheinen, stellen aber wesentliche Grundlagen dar, auf deren Basis RE erfolgreicher betrieben werden kann. Denn anders als im Software Engineering bzw. der Systementwicklung, bei der der Interaktionspartner zum größten Teil von einer (leistungsstarken und lokal ansässigen) Maschine übernommen wird, steht beim RE der Mensch im Mittelpunkt. Und diesem kann man wesentlich näher kommen, wenn er uns ein Stück weit an seinem digitalen Profil teilhaben lässt.

Nächste Woche im zweiten Teil dieses Beitrags werden wir einen Überblick über derzeit verfügbare Apps und Tools geben, die RE weitaus mobiler machen können.

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