Letztens habe ich einige Renovierungsarbeiten zu Hause ausgeführt, dabei habe ich schnell festgestellt, dass der Einsatz meiner vorhandenen Werkzeuge nicht effizient war. Also holte ich mir bei einem befreundeten Schreiner Rat und lieh mir das entsprechende Werkzeug aus.

Das Ergebnis: Ich war schneller fertig, die Qualität meiner Arbeit war höher und – ganz wichtig, die Arbeit machte mehr Spaß.

Es lohnt sich also einen Blick über den Tellerrand zu wagen und seinen Horizont zu erweitern. So können nicht nur agile Projekte durch den Einsatz bewährter Praktiken aus dem Requirements Engineering (RE) profitieren, auch die Vertreter der klassischen Vorgehensweise können von Praktiken aus der agilen Welt lernen. Als Beispiel möchte ich das „Product Canvas“ vorstellen und ihnen zeigen, wie sie es auch in nicht-agilen Projekten einsetzen können.

Das „Product Canvas“ (siehe Abbildung 1) enthält Informationen über die Ziele, die Benutzer, Features u.a. und bietet somit eine gute Übersicht des zu erstellenden Systems.

ProductCanvas

Abbildung 1: Beispiel Product Canvas (Quelle: http://romanpichler.com)

Als Repräsentationsform wird idealer Weise ein Whiteboard, Präsentationswand oder ähnliches an zentraler Stelle eingesetzt. Darin liegt auch ein wesentlicher Vorteil des „Product Canvas“, im Gegensatz zum klassischen „Vision Document“, denn die Informationen sind für alle Beteiligten sichtbar und Änderungen oder Ergänzungen können direkt am Board gemacht werden und fördert so die direkte Zusammenarbeit der Projektbeteiligten. Gerade diese Übersicht habe ich in vielen Projekten (klassisch und agil) vermisst und daraus resultierten häufig Unklarheiten über die Ziele und den Scope des Projektes.

Den Vorteil der Visualisierung sollten sie in jedem Projekt nutzen, auch wenn sie ein klassisches Vorgehensmodell einsetzen. Die obige Vorlage (Abbildung 1) von Roman Pichler verwendet Begriffe (User Stories, Epics,…) aus der agilen Welt, das hindert sie aber nicht daran, ein Product Canvas für ihre Bedürfnisse zu adaptieren. Wenn sie keine Personas verwenden, dann verwenden sie ihre eingesetzten Begriffe  z.B. Stakeholder. In der Abbildung 2 habe ich die Begriffe der Vorlage durch Begriffe aus dem Requirements Engineering und Systems Engineering ersetzt.

Wie können sie nun solch ein Product Canvas einsetzen?

Nehmen Sie als Beispiel folgende Ausgangssituation: Sie haben als Requirements Engineer/ Business Analyst die Aufgabe die Ziele und den Scope für ein neues Systementwicklungsprojekt zu erheben und zu dokumentieren. Anstelle ihres Visionsdokumentes nehmen sie nun die Vorlage (Abbildung 2) und füllen diese schrittweise mit Informationen, die sie gemeinsam mit den Projektbeteiligten erheben.

ProductCanvas_Scope

Abbildung 2: Beispiel Product Canvas für klassische Projekte

Für die initiale Befüllung sollten sie einen Workshop mit allen relevanten Projektbeteiligten organisieren. Im Rahmen der Workshopvorbereitung  haben sie ihr Product Canvas an einer Präsentationswand erstellt. Die Inhalte des Product Canvas werden in Tabelle 1 erläutert.

Begriffe Inhalt
Name Name des Systems
Ziele Liste der Ziele, die durch den Einsatz des Systems erreicht werden sollen
Systemkontext Systemkontextdiagramm, zeigt das System (Black-Box-Sicht) sowie alle externen Systeme zu denen Schnittstellen bestehen.
Stakeholder Liste aller Stakeholder
Systemfunktionen Grobe Übersicht über die Systemfunktionen. Z.B. eine Featureliste
Randbedingungen Hier werden relevante Randbedingungen (z.B. Zulassungsvorschriften, Gesetze/Normen, …) aufgeführt

Tabelle 1: Inhalte der Vorlage

Überprüfen sie regelmäßig die Inhalte auf Gültigkeit. Denn im Laufe des Projektes werden sich sicher einige Aspekte ändern und passen sie die Inhalte ihres „Product Canvas“ dementsprechend an.

Ich höre schon den Einspruch einiger – was ist daran denn neu und agil?

Nichts, es ist eine gute Praktik, die mit einfachen Mitteln viele Vorteile (Sichtbarkeit, Visualisierung, Fokussierung auf wesentliche Inhalte, Förderung der direkten Zusammenarbeit) in sich vereint.

Und dieses Werkzeug sollte nicht in ihrem Werkzeugkasten fehlen.