Wir bei HOOD haben allgemein ein recht bodenständiges Verhältnis zum Requirements Engineering. Das soll nicht bedeuten, dass wir nicht auch abheben und RE in neue Höhen treiben können. Wir glauben lediglich, dass derjenige, der hoch hinaus möchte, zuerst eine sichere Grundlage schaffen sollte. Diejenigen, die bis ans Ende der Welt gehen, um die beste Lösung zu finden, werden wohlmöglich überrascht sein, wenn sie bei ihrer Rückkehr die Heimat völlig verändert oder gar verlassen vorfinden würden.

Aus diesem Grund haben wir unter dem Begriff „SuRE“ ein Prinzipienpaket zusammengeschnürrt, das Ihnen helfen soll, Ihre RE-Bemühungen langfristig im Unternehmen zu verankern. So bauen Sie dann aus einer provisorischen Zeltstadt eine mächtige RE-Metropole inmitten Ihrer Organisation.

In vergangenen Blockbeiträgen hatten wir uns bereits mit SuRE und seinen Bestandteilen beschäftigt. Wissenswertes finden Sie hier und hier.

Dieses Mal wenden wir uns der Personalfrage von SuRE zu. Es soll konkret um Rollen sowie deren Aufgaben und Verantwortlichkeiten gehen. Im Gegensatz zu einem ausgefeilten RE-Konzept mit vielerlei Verantwortlichkeiten kommt SuRE aber mit weit weniger Rollen aus. Insgesamt sind es gerade einmal vier Funktionen, die es bei der Einführung und Etablierung von RE zu besetzen gilt:

  • Der RE-Experte
  • Der Power User
  • Der Coach
  • Der RE-Anwender

Der Tätigkeitsbereich einer Rolle ist von den übrigen streng abgegrenzt, die Verteilung der Rollen auf die Mitarbeiter und anderen Personen kann aber n-när erfolgen. So kann ein Mitarbeiter Ihres Unternehmens durchaus mehrere Rollen einnehmen (z.B. ist ein Power User oder ein Coach in vielen Fällen auch ein RE-Anwender). Auf der anderen Seite sollten pro Rolle mehrere Mitarbeiter eingesetzt werden.

Die RE-Anwender

Die RE-Anwender wenden den definierten RE-Standard an. Darüber hinaus bilden sie die Basis für jede erfolgreiche Einführung eines RE-Standards bzw. Verbesserung von RE in einem Unternehmen.. Eine wichtige Aufgabe dieses Anwenders liegt auch darin, seine Meinung zu artikulieren, um aus seinen Zielen, Wünschen, Sorgen und Anforderungen den späteren RE-Standard für Ihr unternehmen entwickeln zu können. RE-Anwender sind demnach die Stakeholder, die es zu befragen gilt und die User, die RE ausüben und „leben“.

Der RE-Experte

Um die eigentliche Entwicklung des RE Standards und dessen Verankerung im Unternehmen kümmert sich der RE-Experte. Der RE Experte verfügt üblicherweise über langjährige Erfahrung in der Entwicklung, Einführung und Verbesserung im Umfeld des Requirements Engineering. Diese Kenntnisse und Erfahrungen werden dringend benötigt, um die Ziele und Anforderungen der RE-Anwender in einem adäquaten RE-Vorgehen zu berücksichtigen und gleichzeitig noch genug Spielraum für Erweiterungen und Anpassungen des künftigen RE-Standards gewährleisten zu können. Der RE-Experte kann den Ansprüchen einer erfolgversprechenden und vor allem nachhaltigen RE-Einführung alleine jedoch nicht Rechnung tragen. Er ist auf die Mithilfe des Power Users angewiesen.

Der Power User

Dem Power User werden auf dem Schachbrett der RE-Etablierung die wohlmöglich wichtigsten unternehmensstrategischen Aufgaben zuteil. Er wird vom RE-Experten ausgebildet und erhält im Anschluss einen umfassende Aufgabenbereich:

Zum einen wird ihm der Auftrag übertragen, zusammen mit den RE-Experten den RE-Standard mitsamt seinen Bestandteilen wie z.B. einer Prozessbeschreibung, einer Werkzeugumgebung oder einem Schulungskonzept, zu entwickeln. Der RE-Experte ist dazu auf die Mitwirkung des Power Users angewiesen, da dieser als Mitarbeiter des Unternehmens das dort vorherrschende soziale Klima, Firmenpolitik und Verfahrenskultur wie kein anderer kennt.

Als zusätzliches missionarisches Ziel soll er das im RE-Standard zusammengetragene Wissen im Unternehmen tiefer verankern und die RE-Infrastruktur (Forum, Toolumgebung etc.) des Standards etablieren. Er übernimmt gewisserweise die Aufgabe eines Kulturbotschafters. Mit zunehmender Profilierung des Power Users schwindet der Einfluss des RE-Experten, den dieser auch bereitwillig aufgibt. Als Ansprechparter in RE-Fragen sorgt er für Akzeptanz, hilft den Mitarbeitern, die Angst vor Veränderungen zu überwinden und verhilft, RE zur vertrauten Gewohnheit zu machen.

Der Coach

Im Gegensatz zum Power User ist der Coach nicht für die eigentliche Entwicklung eines RE-Standards zuständig, sondern für die Vermittlung und Weitergabe dessen Inhalte. Er ist eine Schlüsselperson des SuRE-Paketes mit besonderem didaktischen, pädagogischem und therapeutischem Profil. Nachhaltigkeit von RE-Strukturen, Prozessen und Denkweisen lässt sich nur erzielen, wenn Mitarbeiter mit den Inhalten des RE-Standards theoretisch geschult worden sind und dieses theoretische Wissen im Anschluss handlungsorientiert in praktische Erfahrung umwandeln. Der Coach unterstützt deshalb die nachhaltige Einführung von RE, indem er die RE-Anwender in den theoretischen Inhalten des RE-Standards ausbildet und die Anwender darüber hinaus in der praktischen Anwendung der Inhalte direkt am Arbeitsplatz begleitet. Auch der Coach ist als RE-Kulturfunktionär im Auftrag der Nachhaltigkeit unterwegs und trägt wie der Power User dazu bei, RE langfristig zu etablieren. In kleineren Unternehmen kann die Rolle des Coach auch vollständig in die Rolle des Power User übergehen. Somit ist die Rolle optional zu sehen.

Das Teamspiel der Rollen

Die genannten Rollen sind integraler Bestandteil von SuRE. Jede einzelne übernimmt eine feste Position und hilft, den monolithischen Block eines RE-Standards bedächtig und verlässlich nach unten herabzulassen und auf diese Weise systematisch in die Unternehmensstruktur zur verankern.

Eine entscheidende Komponente gilt es jedoch zu beachten. Tempo, Koordination und Gleichmäßigkeit, mit der Ihr RE-Standard „herabgelassen“ wird, ist entscheidend abhängig von der Kommunikation untereinander. Außerdem sollte die Zuweisung der Rollen mit Überlegung gewählt werden, damit die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung des Standards sowie die Vermittlung und Verbreitung der RE-Inhalte mittelfristig nicht verebbt. Motivation, Kommunikation und ein Management Commitment sind weitere wichtige Triebfedern auf dem Weg zum Sustainable Requirements Engineering.